Die Wichtigkeit von kleinen Momenten

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Die Wichtigkeit von kleinen Momenten

Mit 15 Jahren ist Janina mit uns die Reise nach Nova Scotia angetreten–das war die beste Entscheidung, die sie je getroffen hat, sagt sie noch heute.

In unserer Reihe »25 Auslandsmomente« teilen wir zur Feier unseres 25. Geburtstags die schönsten Erlebnisse ehemaliger Steppies, Mitarbeiter:innen und vielen mehr mit euch. Mit 15 Jahren ist Janina mit uns die Reise nach Nova Scotia angetreten – das war die beste Entscheidung, die sie je getroffen hat, sagt sie noch heute. Mittlerweile unterstützt Janina uns als Jugendberaterin in Freiburg und hilft anderen Weltneugierigen dabei, ihren Weg ins Ausland zu finden. Warum die kleinen Momente im Auslandsjahr oft die wichtigsten sind, das erzählt sie uns in ihrem Bericht.

Vor fünf Jahren verbrachte ich fünf wunderschöne Monate in Nova Scotia, Kanada. Ich denke oft und gerne an meine Zeit inmitten von Wäldern, Seen und dem Atlantischen Ozean zurück. Gerade über die Feiertage vermisse ich die Wärme des Ofens, den unglaublich hohen Weihnachtsbaum und die Weihnachtsdeko, die sich bis zum Duschvorhang erstreckte. Doch ich schaue dabei keineswegs traurig oder melancholisch zurück, sondern mit einem Lächeln auf den Lippen, weil ich weiß, dass ich bald wieder »heimkehren« kann, so wie ich es zuvor schon zweimal getan habe.

Auf die Frage nach meinem schönsten Moment in den fünf Monaten im Ausland kann ich schwer eine Antwort geben. Ich könnte ein Event herausstellen. Da wäre zum Beispiel das Eishockey-Spiel der »Mooseheads« im großen Stadion in Halifax, wo wir alle geschrien und angefeuert haben. Ob wir gewonnen haben, weiß ich gar nicht mehr, ich glaube schon, aber was ich in Erinnerung habe, ist die Atmosphäre – und die war atemberaubend. Oder der Roadtrip nach Cape Breton am anderen Zipfel von Nova Scotia. Sechs Stunden Fahrt hin, eine Übernachtung und sechs Stunden zurück. Einfach so. Und wir haben alle 500 Meter angehalten, um die Schönheit der bunten Blätter des Indian Summers zu bewundern.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist es nicht ein Erlebnis, was meinen Aufenthalt so besonders gemacht hat. Das Besondere waren die alltäglichen Dinge. Die langen Fahrten im Schulbus, die Tränen, die ich dort gelacht habe, meine verrückten Hunde, die Gemeinschaft in der Schule, der Unterricht, die Lunchbreak, die Ausflüge zu Tim Hortons, die Wochenenden auf dem Sofa, und nicht zu allerletzt das Gefühl von Heimat und Familie.

Denn das ist es, was ich spüre, wenn ich zurückdenke: Heimat und Geborgenheit. In Kanada habe ich meine zweite Familie gefunden, bestehend aus Mom, Dad, meiner brasilianischen Gastschwester, zwei Hunden und einer Katze. Nicht zu vergessen Moms Eltern: Grandma und Grandpa. Von der ersten Sekunde an waren wir ein Herz und eine Seele. Während ich zu Hause in Deutschland viel unterwegs oder in meinem Zimmer war, spielte sich das Leben in Kanada im Wohnzimmer ab.

Feste waren ein Grund mit der Familie zusammenzusitzen; Ausflüge, Geburtstage oder ein Samstagabend waren alle Anlass, zusammenzukommen, zu reden, zu essen und zu lachen. Natürlich habe ich das auch in Deutschland getan, aber in Kanada wurde mir die Bedeutung von Familie erst richtig bewusst. Zuvor war es selbstverständlich ein Zuhause zu haben, aber in Kanada habe ich wirklich zu schätzen gelernt, wie wertvoll es ist, einen Ort zu haben, an dem ich mich wohlfühle, an dem ich den ganzen Tag im Schlafanzug herumlaufen kann, an dem ich mich nicht verstellen muss.

»Travel far enough, you meet yourself« – Manchmal müssen wir eben 5177 km reisen, um zu realisieren, was das Leben lebenswert macht. Und das Gefühl von Familie und die Geborgenheit, die definitiv dazugehören, konnte ich mit nach Deutschland nehmen. Dadurch weiß ich jetzt, egal, wo ich bin, ich habe zwei Heimaten, an die ich immer wiederkehren kann. Wo auch immer mich das Leben hin verschlägt, mit den richtigen Menschen wird jeder Ort zum Zuhause.

Die Frage nach dem schönsten Auslandsmoment ist also unmöglich zu beantworten. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass ich mir in Kanada ein neues Leben aufgebaut habe. Um die Frage zu beantworten kann ich nur sagen, dass jedes Lachen bis der Bauch weh tat, jedes Tor der lokalen oder nationalen Eishockeymannschaft, jeder Bissen von Grandma’s Apple Crumble, jede Fahrt mit dem Schulbus und jeder labbrige Potato Wedge von Tim Hortons Teil des schönsten Erlebnisses meines kanadischen Lebens waren. Denn ohne all diese Momente wäre es nicht das gewesen, was mich zu der Person gemacht hat, die ich jetzt bin.

Deshalb: egal wo, egal wann, egal wie lange – die kleinen Momente sind, solange ihr mit den richtigen Menschen zusammen seid, jedes Mal aufs Neue potenzielle schönste Momente. Genießt sie!

Eure Janina