In den Flieger und ein anderes Leben einsteigen, ohne zu wissen was einen erwartet? Ich glaube, am Morgen des Abflugs – in diesen letzten Stunden in gewohnter Umgebung – hatte ich so viel Angst wie noch nie zuvor in meinem Leben. Doch gleichzeitig habe ich mich auch noch nie zuvor so sehr gefreut. Und mit dieser Mischung aus Vorfreude, Aufregung und Ungewissheit ging es am 25. Januar los für mich nach Victoria, einer Stadt auf Vancouver Island, zu meinem Auslandsjahr in Kanada!

Als ich mir Kanada vorgestellt habe, dachte ich immer direkt an gelbe Schulbusse, Eishockey, freundliche Menschen, Pancakes zum Frühstück und eine unglaublich schöne Landschaft. Und tatsächlich haben sich alle meine Vorstellungen erfüllt. In den ersten Tagen habe ich mich durchgehend gefühlt wie im Film, der gelbe Streifen auf der Straße und die Grocery Stores (die eine tolle Abwechslung zu deutschen Supermärkten waren) sind zwar nur Kleinigkeiten, die mich aber Tag für Tag in meiner Entscheidung nach Kanada zu gehen bestätigten. Und nicht nur das, natürlich waren es auch die Menschen, die mich herzlich empfingen und willkommen hießen und bei denen ich mich sofort wohlfühlte.

Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern, zwei jüngeren Gastbrüdern und einer gleichaltrigen Gastschwester. Direkt am nächsten Morgen nach meiner Ankunft, ging es – richtig kanadisch – erstmal zu einem Hockeyspiel meiner Gastbrüder, die wir auf der Tribüne mit warmhaltenden Decken tatkräftig unterstützten und anfeuerten. Sowieso wurde der Sonntag von nun an für mich zum »Hockeytag«, an dem wir häufig auch in andere Hallen in der Umgebung gefahren sind und sogar einmal nachher zusammen in einem Diner Lunch gegessen haben. Ansonsten waren besonders schön auch immer die Abende in der Familie, wo wir alle von unserem Tag berichteten und eine Menge Spaß hatten.

Was außerdem sehr aufregend war, war mein erster Schultag. Mit dem Bus ging es Richtung Downtown, weil meine Schule relativ zentral in der Stadt gelegen war. Meine Gastmutter hat mich am ersten Tag begleitet und mich mit dem »public transport system« vertraut gemacht. Direkt im Bus habe ich meine erste Bekanntschaft gemacht, mit einer Freundin, die bis zum Ende eine meiner besten Freunde wurde. Ihr Name war Anna und es stellte sich heraus, dass auch sie aus Deutschland kam und jetzt die Victoria High School besucht. Es hat sich gut angefühlt, direkt am Anfang jemanden zu haben, der das Gleiche durchmacht und mit dem man sich super versteht. Doch natürlich blieb es nicht nur bei einer Bekanntschaft. In der Schule trafen wir auf ungefähr 25 andere Internationals, die neu dazukamen. Und so lernte man Menschen aus aller Welt kennen und am Ende hatte man nicht nur Freunde aus Kanada, sondern auch aus Italien, Mexiko, Brasilien oder aus der Schweiz.

Angekommen in Kanada!

Besonders in Kanada ist das Schulsystem, bei dem man nicht nur die typischen Fächer hat, sondern es auch eine riesige Auswahl an anderen »Spaßfächern« gab. Da ich ursprünglich nur drei Monate bleiben sollte, dachte ich, ich nutze die Chance und so hatte ich jeden Tag vier Fächer, die mir wirklich Freude bereitet haben. Zuerst hatte ich Photography, wo wir uns mit Analogfotografie beschäftigt haben und sogar selbst Fotos entwickelten. Dann folgte eine Stunde Yoga, dann Drama und zum Schluss noch Food Studies, wo wir meistens etwas kochten und sogar eigenes Gemüse im Schulgarten anbauten. Auch das Verhältnis zu den Lehrern ist viel mehr freundschaftlich und nicht zu vergleichen mit dem, was man von zuhause kennt. Noch dazu kommt, dass alle Mitschüler total weltoffen und tolerant sind und man sich direkt sehr willkommen fühlt.

Das hört sich jetzt wahrscheinlich alles sehr entspannt an, doch natürlich darf man auch nicht vergessen, dass es ab und zu auch mal etwas schwierigere Phasen gab. Man war schließlich auf sich alleine gestellt, kannte anfangs niemanden und musste nochmal komplett neu anfangen. Zwischendurch kam in solchen Momenten selbstverständlich auch ein bisschen Heimweh auf, wo man sich nach vertrauten Leuten und Umgebungen sehnte. Doch das ist schließlich völlig normal, denn eigentlich ist es ja auch eine sehr mutige Entscheidung, einfach alleine ins Ausland zu gehen. Man sollte sich das immer wieder vor Augen führen und sich auf keinen Fall davon unterkriegen lassen.

Wenn ich jetzt so darauf zurückblicke, bin ich sogar schon fast etwas dankbar für diese Momente, weil sie mich gestärkt haben, mich meine Freunde und Familie mehr wertschätzen haben lassen und im Nachhinein doch gar nicht so schlimm waren. Generell habe ich mich durch diese Monate nicht nur sprachlich verbessert, sondern auch gemerkt, dass ich viel selbstbewusster, eigenständiger und stärker geworden bin. Eigentlich war geplant, dass ich drei Monate bleibe, doch für mich hätte es sich falsch angefühlt, schon früher als die meisten anderen zu gehen, weshalb ich dank meiner Eltern sogar für fünf Monate hätte bleiben dürfen.

Leider kam dann aber noch das Coronavirus dazwischen, was auch mich dazu veranlasst hat, schon früher nach Hause zu fliegen. Aus geplanten drei bis hin zu fünf wurden also leider doch nur zwei Monate. Natürlich wäre ich viel lieber noch länger geblieben, doch nichtsdestotrotz waren diese Monate eine ganz ganz tolle Zeit, in der ich über mich hinausgewachsen bin und viele Erfahrungen sammeln durfte. Übrigens, meine Freundin Anna hat mich vor zwei Wochen bei mir zu Hause besucht und die nächste Reise zu ihr ist auch schon geplant.

Den Schritt ins Ausland zu wagen – egal für wie lange – würde ich jedem empfehlen, denn die Momente, Erinnerungen und Erfahrungen, die man sammelt sind unvergesslich. Man lernt eine völlig neue Kultur und Lebensweise kennen, erweitert seinen Horizont und findet Freunde, die auf der ganzen Welt verteilt sind.


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