Hello und willkommen zurück. Ich weiß, mein letzter Bericht ist schon ein bisschen her, deshalb hier ein »kleines« Update: Als ihr das letzte Mal von mir gelesen habt, war ich gerade dabei, mein Visum zu beantragen. Das ist jetzt schon zwei Monate her. Und was soll ich sagen… seitdem mein Auslandsjahr in den USA angefangen hat, hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet.

Aber lasst uns von vorne beginnen. Nachdem ich die Visumsbeantragung endlich abgeschlossen und das Konsulat hinter mich gebracht hatte (das Konsulat war echt entspannt – also macht euch hier keinen unnötigen Stress), ging es ans Kofferpacken…  und das war schwieriger als gedacht. Denn dadurch wurde mir nochmal bewusster, dass es tatsächlich bald soweit ist und die Vorfreude (und mein Puls) sind nochmal gestiegen. Außerdem ist es schwierig, sich zu entscheiden, wenn man für zehn Monate und einen Temperaturunterschied von 50 Grad packen soll. Kein Scherz – im Sommer sind es hier 35-40 Grad und im Winter bis zu – 25 Grad….

Als dann alles bereit war, ging es ans Verabschieden, was bis jetzt mit Abstand die größte Hürde für mich war. Ich denke, dass man als zukünftiger Austauschschüler vor lauter Vorfreude manchmal vergisst, was man zurücklässt. Ich habe lange Zeit nicht realisiert, dass ich meine Freunde und Familie und vor allem auch meine Komfortzone zehn Monate nicht um mich habe. So richtig verstanden habe ich das auch erst im Flieger, beziehungsweise beim Check-in am Flughafen.

Das Auslandsjahr war definitiv eine meiner besten Entscheidungen, aber ich möchte nichts romantisieren: Mich für zehn Monate von meiner Familie zu verabschieden war eines der unangenehmsten Ereignisse meines Lebens. Beim Abschied ist sicherlich die ein oder andere Träne geflossen, aber sobald ich den Security Check hinter mir gelassen hatte, kam es wieder – das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch, pure Vorfreude und Zuversicht. Ein Gefühl der Sicherheit, das alles gut wird und dass dies definitiv eine gute Entscheidung war.

Das hier ist Lea, eine Austauschstudentin, die ich übermüdet nach zehn Stunden Flug kennengelernt habe und die mittlerweile eine enge Freundin von mir ist, die ich nicht mehr missen möchte.

Die zehn Stunden Flug nach Atlanta habe ich mit Schlafen, Essen und dem Lesen meines Abschiedsbuchs zugebracht. (Auch jetzt im Nachhinein kann ich euch nur empfehlen, ein Abschiedsbuch zu gestalten, mich hat es auf dem Flug unglaublich glücklich gemacht, die Einträge durchzulesen.) In Atlanta hatte ich sechs Stunden Aufenthalt, zum Glück habe ich dort eine deutsche Studentin kennengelernt, mit der die Zeit schon viel schneller verging. In diesem Moment wurde alles nochmal viel realer und so kamen plötzlich gemischte Gefühle auf: Einerseits konnte ich es kaum erwarten, endlich meine Gastfamilie zu sehen, andererseits wollte ich aber auch in den nächsten Flieger zurück zu meiner Familie steigen (was für ein Glück, dass ich es nicht getan habe!).

Was ich euch an der Stelle noch ans Herz legen möchte: Sprecht Leute an! Sowohl im Flieger als auch beim Warten. Wie bereits gesagt, habe ich am Flughafen Atlanta ein Mädchen kennengelernt, mit dem ich noch immer ständigen Kontakt habe. Auf meinem zweiten und letzten Flug von Atlanta nach Madison hatte ich mit der Person neben mir eins der interessantesten Gespräche meines Lebens. Auch wenn es Überwindung kosten mag, es lohnt sich immer, neue Personen kennenzulernen!

Dann war der Moment endlich gekommen: Ich habe das erste Mal die Personen getroffen, mit denen ich die nächsten zehn Monate meines Lebens verbringen sollte. Ohne zu übertreiben, nachdem ich so lange darauf gewartet hatte, hat sich dieser Moment magisch angefühlt. Bevor ich weiter fortfahre, sollte ich euch aber vielleicht noch meine Gastfamilie vorstellen: Ich lebe mit einer Gastmutter (52), einer Gastschwester (15) und zwei Hunden zusammen auf einem Dorf in der Nähe von Madison, im Staat Wisconsin.

So viel zum Thema Landleben… das sind Babykatzen auf der Farm von Freunden meiner Gastfamilie.

Nachdem ich meine Gastfamilie dann am Flughafen zum ersten Mal in die Arme geschlossen hatte, stand uns noch eine Stunde Autofahrt bevor. Bei uns hat es wirklich direkt »geklickt« und wir haben uns die ganze Zeit unterhalten, wobei ich, nachdem ich über 26 Stunden lang wach war, irgendwann geistig weggedriftet bin. Im neuen »Zuhause« bin ich direkt ins Bett gefallen. Wenn ich jetzt, drei Wochen später, darauf zurückblicke, kann ich noch immer nicht glauben, dass ich seitdem meinen Traum lebe.

Wie habe ich meine erste Zeit hier also verbracht? Meine Gastmutter sagt, ich bin »mit den Füßen zuerst ins kalte Wasser gesprungen«. Mein erster Tag begann also gleich nach dem Aufstehen, als meine Gastschwester und ich von ihren Freunden abgeholt wurden und zu Culver’s gefahren sind (große Empfehlung, bestes Essen). Danach waren wir bei Walmart, um Schulsachen zu kaufen und wow… ich war so überwältigt. Ich habe das Gefühl, allein die Drogerieabteilung ist so groß wie ein ganzer Laden in Deutschland. Shopping-Feeling pur! Meine Gastfamilie hat ein sehr großes soziales Umfeld, weshalb wir eigentlich jeden Tag unterwegs waren (und sind) und Freunde getroffen haben.

Am Sonntag, genau eine Woche später, war ich dann zum ersten Mal in einer amerikanischen Kirche (Methodisten), deswegen möchte ich euch, unabhängig von eurer religiösen Konfession, ermutigen, diese Erfahrung mitzunehmen. Der Kirchgang ist wirklich etwas ganz anderes hier als in Deutschland. Alles ist interaktiver, man singt zusammen und es ist wirklich eine angenehme, geborgene Atmosphäre. Das war sie also, die erste Woche meines großen Abenteuers.

Zwei Tage später war dann auch schon mein erster Schultag. Auch heute fühlt sich das noch immer surreal an und ich kann die Aufregung vom ersten Tag förmlich spüren. Ich bin also morgens mit Herzrasen aufgewacht und wurde dann zusammen mit meiner Gastschwester zur Schule gefahren. Leider nicht im gelben Klischee-Bus, aber dafür weit komfortabler. Der Tag begann jedenfalls mit einer Rede des Schulleiters. Bevor ich aber weiter vom berüchtigten ersten Tag berichte, sollte ich erstmal etwas zu meiner High School sagen. Meine High School ist eine Community School, das heißt alle Schüler von der ersten bis zur zwölften Klasse lernen im selben Gebäue. Die Schule selbst ist sehr klein, sie hat nur circa 90 Schüler und daher eine sehr familiäre Atmosphäre.

Der Eingang zum Ort, der für mich nicht nur für zehn Monate zu Hause bedeutet.

Nach der Rede wurden Jahrgangssprecher gewählt und schon gings zur ersten Stunde. Mein erster Kurs ist Sport, das ist genau wie in Deutschland, mit dem Unterschied, dass wir zweimal pro Woche mit Gewichten und Geräten trainieren. Man kann hier wirklich gut neue Menschen kennenlernen, weshalb ich den Kurs auf jeden Fall empfehlen kann. Der zweite Kurs ist Anatomie und Physiologie, zwar recht fordernd, aber sehr interessant. Danach habe ich US-Geschichte und anschließend steht für mich Home Maintenance an, wo man etwas über Dinge wie Hauskonstruktion oder elektrische Versorgung lernt. Danach ist »study hall«, wo man Zeit für Hausaufgaben oder zum Lernen hat. Nach »study hall« habe ich dann noch einen Kurs, bevor es endlich Mittagessen gibt. Dieser ist »Holz« und nachdem wir einiges an Theorie über Bäume gelernt haben, werden wir bald in der schuleigenen Werkstatt selber mit Säge und Hammer tätig.

Nachdem die ersten Kurse erklärt sind, werde ich jetzt zum berühmt berüchtigten »lunch« kommen. Da meine High School sehr klein ist, essen alle Schüler zur gleichen Zeit an langen Tischen, die leicht an Harry Potter erinnern. Aufgrund der aktuellen Covid-Situation muss man viel Abstand halten, was es zugegebenermaßen ziemlich erschwert, Kontakte zu knüpfen. Und da ich aus Erfahrung weiß, dass das erste Lunch für Austauschschüler immer eine große Sache ist, möchte ich euch nur mitgeben: Wenn ihr offen seid und einen freundlichen Eindruck macht, ist das erste Lunch wirklich nicht schlimm, sondern eher eine großartige Erfahrung!

Nach dem Mittagessen steht für mich dann Chor an, womit wir zu einer weiteren Empfehlung kommen: Probiert mal was Neues! Ich habe vorher noch nie etwas derartiges gemacht (außerdem kann ich nicht singen…). Ehrlich gesagt habe ich Chor auch nur gewählt, da ich keine weitere Naturwissenschaft nehmen wollte. Mittlerweile liebe ich den Chor und das Singen aber wirklich mehr, als ich es mir je hätte vorstellen können…. Danach steht Englisch und Ressource Time an. Ressource Time ist prinzipiell das gleiche wie Study Hall, mit dem Unterschied, dass man in den ersten 15 Minuten lesen muss.

Das ist der Eingang zu meiner High School mit dem roten Cardinal als Schulwappen.

Nachdem ihr meine Schule nun fast genauso gut kennt wie ich, möchte ich als letztes noch das Thema »Freunde« ansprechen. Ihr könnt euch wahrscheinlich schon denken, dass ich durch meine Gastschwester schon früh Leute kennengelernt habe, was definitiv ein Vorteil ist. Natürlich möchte ich aber trotzdem »meine eigenen« Freunde finden, die noch mehr zu mir passen, und bis jetzt läuft dieses Vorhaben auch ganz gut.

Da sich gerade an einer kleinen High School alle schon ewig kennen und alle ihre festen Freundeskreise haben, war es anfangs nicht so leicht, über das »Schulfreunde Level« hinaus zu kommen, aber wenn ihr die Leute direkt ansprecht und am besten schon ein Treffen ausmacht, ist alles gar kein Problem. Ich habe mir anfangs hierbei viel Druck gemacht, deswegen möchte ich euch mitgeben: Gebt euch Zeit, nicht jeder muss euch von der ersten Sekunde an lieben und vertraut auf euch, denn selbst an einer kleinen High School wie meiner werdet ihr aus 90 Schülern schon ein paar »Gleichgesinnte« finden. Außerdem solltet ihr jede »soziale Möglichkeit« wie Fußballspielen oder Community-Treffen nutzen – der Rest wird sich einfach ergeben.

Zum Abschluss meines Berichts möchte ich euch noch einen groben Zukunftsausblick auf mein Auslandsjahr geben: Im September stehen unter anderem ein Treffen mit den Austauschschülern aus meiner Region und die Hochzeit meines Gastbruders an. Danach kommen Events wie Homecoming, die Spirit Week, Halloween und Thanksgiving und die Weihnachtsferien, in denen wir wahrscheinlich einen kleinen Chicago-Trip machen. Außerdem plane ich, ab Oktober in der Schulmannschaft Basketball zu spielen, aber über all das werde ich natürlich noch ausführlich berichten.

Das hier ist Paula, meine Gastschwester, die lustigste und freundlichste Person, die ihr in Wisconsin finden werdet.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich hier unglaublich wohlfühle. Ich habe ständig Glücksgefühle, weil ich immer wieder aufs Neue realisiere, dass ich tatsächlich meinen Traum lebe. Meine Gastfamilie ist mir schon jetzt mehr ans Herz gewachsen, als ich es für möglich gehalten hatte und ich genieße jede einzelne Erfahrung, die ich hier machen darf.

Ich lasse auf jeden Fall bald wieder von mir hören, wenn du vorher aber eine persönliche Frage an mich hast, kannst du mir gerne auf Instagram (emmy_kitt) schreiben.

Bis ganz bald!

Emmy 


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