Mehr als nur ein Spiel

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Mehr als nur ein Spiel

Unser USA-Stipendiat Daniel hat 2016 wegen seiner Liebe für Football zu uns gefunden. Wie sein erstes Spiel in den USA lief, das verrät er uns hier.

In unserer Reihe »25 Auslandsmomente« teilen wir zur Feier unseres 25. Geburtstags die schönsten Erlebnisse ehemaliger Steppies, Mitarbeiter:innen und vielen mehr mit euch. Unser ehemaliger USA-Stipendiat Daniel hat 2016 wegen seiner Begeisterung für American Football zu uns gefunden. Wie sein erstes Spiel in den USA gelaufen ist und was er heute noch mit seinem Auslandsjahr verbindet, das verrät er uns in seinem Bericht.

Es waren zwar über 30 Grad, aber meine Vorfreude war zu groß, um das richtig zu registrieren. Zusammen mit meinem Footballteam saß ich in einer Umkleide, die ursprünglich für die Hälfte unserer fast hundertköpfigen Mannschaft ausgelegt war. Es war eng und unangenehm, aber trotzdem habe ich nichts als positive Erinnerungen an mein erstes High School Football-Spiel in den USA.

Als Stepin-Stipendiat hat sich schon meine ganze Bewerbung nur um eines gedreht: Football. Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung war ich in der zehnten Klasse und hatte gerade mal vor einem Jahr mit diesem Sport angefangen. Schnell wurde mir aber klar, dass Football mehr als ein Sport für mich ist. Es war die einzigartige Mischung aus Kultur, Begeisterung, und Leidenschaft, die meine Begeisterung für American Football und die USA befeuerte. Ein Auslandsjahr in den USA war alles, woran ich denken konnte, und das Stepin-Stipendium war meine Gelegenheit.

Im Februar 2016 bekam ich dann den Anruf. Stepin hatte mich als den diesjährigen USA-Stipendiaten ausgewählt. Von da an lief alles schnell. Ein paar Wochen später bekam ich mein »Placement« mit einer vierköpfigen Familie in dem Bundesstaat Ohio. Zwar war mir dieser Bundesstaat bisher nur wegen angeblich schlechten Straßen bekannt, aber schnell wandelte sich meine Skepsis zu purer Vorfreude. Meine Gastfamilie hatte mich nämlich gewählt, weil mein älterer Gastbruder, Logan, auch Football spielt. Er war ein Senior – ein Zwölftklässler – und ich werde mit ihm zusammen unter den »Friday Night Lights«für die »Lakota East Thunderhawks«antreten. Ein Traum wurde wahr.

Drei kurze Wochen nach meiner Ankunft in Ohio sitze ich in einer überfüllten Umkleide und warte auf den Kickoff meines ersten Spiels. Ich sitze neben meinem Gastbruder, der zufälligerweise die gleiche Position wie ich spielte. Ich bin sehr nervös, schaue mich um, und registriere sofort, dass ich zumindest nicht der einzige bin. Alle Spieler sind wie gebannt in ihre eigenen »Pre-Game«-Rituale, welche sowohl Meditation als auch aggressives Shadow Boxing beinhalten. Meine Gedanken ähneln purem Chaos: Was, wenn ich einen Fehler auf dem Spielfeld mache? Wie viele von meinen Freunden werden hier sein? Wie zum Teufel kann ich es schaffen, nicht so nervös zu sein?

Plötzlich wird mein Gedankenstrom durch eine Trillerpfeife unterbrochen. Es war unser Headcoach, und es war Zeit einzulaufen. Zügig – aber ohne viele Worte miteinander zu wechseln – stellten wir Spieler uns in einer Zweierkolonne auf. Jeder konnte die Aufregung des anderen spüren, was in Kombination mit der Hitze zu Schweißausbrüchen führte. Unsere Captains standen an der der Spitze der Kolonne. Zusammen mit unseren Coaches begannen sie, Richtung Spielfeld zu schreiten.

Es war ein Auswärtsspiel, weswegen ich noch weniger wusste, was ich zu erwarten hatte. Der Weg von der Umkleide zum Spielfeld war kurz, und als ich mit meinem Team in die kühle Abendluft heraustrat, brachen die Rufe der Zuschauermenge aus. Als Footballspieler war ich das zwar gewohnt, aber nicht auf diesem Kaliber. Auf beiden Seiten des Spielfeldes war das Stadion voll. Die grellen Flutlichter des Stadions blendeten mich zwar, aber ich konnte sehen, dass die Zuschauerzahl in die Tausende ging. »Wow – das ist einfach unglaublich«, dachte ich mir, als ich selbstbewusst aber nervös auf unsere Seitenlinie zuschritt.

Das Spiel glich einem Bilderbuch. Wir gewannen knapp in der Overtime, und als der Schiedsrichter abpfiff, stürmte unsere »Student Section« das Spielfeld. Es ist eine Erfahrung, die mich noch bis heute prägt, obwohl ich inzwischen nicht mehr Football spiele. Ich glaube, dass dieses Erlebnis so wichtig für mich ist, weil es die Immersion in eine komplett unterschiedliche Kultur repräsentiert. Es ist ein Symbol für den Mehrwert, den mir mein Auslandsjahr durch das Verständnis anderer Perspektiven gegeben hat. Perspektiven, welche auf den ersten Blick fremd oder überwältigend scheinen können.

Dank Stepin habe ich mich dazu entschieden, in den USA zu studieren. Ursprünglich bin ich sogar über ein Footballstipendium an eine Universität, habe mich dann aber letztendlich für eine akademisch-orientierte Laufbahn entschieden. Heute, über sechs Jahre nach meinem Auslandsaufenthalt, forsche ich im Bereich der Klimapolitik. Ich fokussiere mich auf das »Problem Klimawandel« aus einer globalen Perspektive, ein Interesse, welches ich zum ersten Mal an meiner High Schoolentwickelte. Ich kann den Mehrwert meines Auslandsaufenthaltes schlecht in Worte fassen, da es für mich der Startschuss meiner heutigen Laufbahn war. Was mit einem Footballspiel anfing, hat in einer perspektivenorientierten Karrierevision gemündet. Danke, Stepin!

Euer Daniel