Themenwoche Neuseeland: Interview mit der Auswanderin Meike Günther

Themenwoche Neuseeland: Interview mit der Auswanderin Meike Günther

Im Rahmen unserer Themenwoche Neuseeland gibt es heute ein weiteres Interview. Dieses Mal haben wir mit Meike Günther gesprochen, die zunächst 2008 zum Work and Travel Neuseeland aufgebrochen ist und mittlerweile das Land der Kiwis ihr Zuhause nennt. Sie erzählt uns wie sie zur Auswanderin wurde, welche Erfahrungen Sie gemacht und wie Sie das aktuelle Erdbeben in Christchurch erlebt hat.

Stepin: Hallo Meike. Zunächst vielen Dank, dass du dir etwas Zeit für uns genommen hast. Bevor wir in das eigentliche Interview einsteigen, möchten wir dich bitten, unseren Lesern kurz etwas über dich und deinen bisherigen Werdegang zu erzählen.

Ein Sonnenuntergang hinter einem neuseeländischen BergMeike: Sehr gerne! Ich bin am 11. Mai 1980 in Bremen geboren. Kurz darauf sind meine Eltern mit mir nach Schwarzenbek in Schleswig-Holstein gezogen. Dort bin ich dann auch zur Schule gegangen und habe mein Abitur gemacht. Von  Ende 1999 bis Anfang 2005 habe ich in Lüneburg gelebt, dort habe ich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Uni studiert.

Nach dem abgeschlossenen Studium zog es mich nach Hamburg, um bei Airbus in Finkenwerder zu arbeiten. Dort habe ich 2,5 Jahre in der Personalabteilung verbracht, bis ich dann im Januar 2008 mit dem Work and Travel Visum nach Neuseeland gegangen bin.

Stepin: Vor Kurzem wurde Neuseeland das zweite Mal innerhalb eines Jahres von einem schweren Erdbeben erschüttert. Das Epizentrum lag beide Male in Christchurch, in der Stadt, die auch du mittlerweile dein Zuhause nennst. Die Meldungen, die uns hier in der Heimat erreicht haben, waren sehr ernüchternd. Fühlst du dich in der Lage uns ein paar Informationen aus erster Hand zu geben? Wo warst du während des Erdbebens und wie hat sich das Erdbeben auf deinen Alltag ausgewirkt?

Meike: Am 4. September 2010 um 4:35 Uhr morgens wurde Canterbury von einem 7.1 starken Erdbeben erschüttert. Lincoln, wo ich wohne, liegt nur 20km vom Epizentrum entfernt. Ich  habe um diese Zeit natürlich geschlafen und wusste überhaupt nicht wie mir geschieht und mit was ich es in dem Moment zu tun hatte. Wir sind fluchtartig aus dem Haus gerannt und standen im Dunkeln bei Eiseskälte auf der Straße. Die Elektrizität ist ausgefallen und das Wasser war nicht mehr trinkbar. Wir haben dann das Auto aus der Garage geholt und saßen 4 Stunden im Auto, um Radio zu hören und mitzubekommen, was los ist und wie wir uns verhalten sollen.

Ich am Sandfly Bay Otago PeninsulaZum Glück ist bei diesem Beben niemand ums Leben gekommen und nach einer Woche konnten wir wieder einkaufen und zur Arbeit gehen. Bis heute ist Canterbury von mehr als 5000 Nachbeben heimgesucht worden. Und dann war da vor 3 Wochen das 6,3 starke Beben, das uns alle um 13 Uhr in der Mittagspause erwischt hat.

Bei diesem Beben sind über 200 Menschen ums Leben gekommen. Uns und unserem Haus ist zum Glück nichts passiert, aber wir haben einen riesigen Schock bekommen und zucken nun bei jedem Nachbeben zusammen. Es ist wirklich furchtbar!

Ich konnte beide Male eine Weile nicht arbeiten, weil die Gebäude meiner Universität statisch überprüft werden mussten. Das war aber definitiv kein Urlaub, man sitzt die ganze Zeit angespannt zu Hause rum und kann nicht schlafen. Besonders die Auswirkungen des letzten Bebens in Christchurch sind stark. Wir können nicht mehr in die Stadt fahren. Ich habe deutsche Leute bei mir aufgenommen und erwarte Weitere dieses Wochenende. Ende März zieht ein deutscher Maurermeister bei uns ein, der beim Wiederaufbau in der Stadt mithelfen wird. Man versucht eben so gut es geht Normalität zu leben.

Stepin: Okay, damit zu unseren eigentlichen Fragen. Du bist 2008 als Backpackerin mit dem Work and Travel Visum nach Neuseeland aufgebrochen. Warum ausgerechnet Neuseeland? Was hat dich gereizt ans andere Ende der Welt zu reisen?

Eine neuseeländische KüsteMeike: Ich wollte ein »Abenteuer« erleben und bevor ich irgendwann zu alt für das Work and Travel Visum bin, habe ich Mitte 2007 entschieden, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dieses Abenteuer in Angriff zu nehmen und habe mit der Planung begonnen. Warum Neuseeland? Das Land am anderen Ende der Welt hat mich schon immer interessiert.

Und wie die meisten war ich durch die »Herr der Ringe-Filme« neugierig geworden, wie es denn in Wirklichkeit aussieht. Außerdem bin ich 2005 bereits für sechs Wochen mit einer Freundin durch Neuseeland gereist, als ich eine kleine Weltreise gemacht habe. Das hat mir so gut gefallen, dass ich noch mal wiederkommen musste, um mehr Zeit dort zu verbringen. Außerdem ist Neuseeland ein Land, wo man sehr gut alleine als Frau reisen kann.

Stepin: Warum hast du dich für Work and Travel entschieden?

Meike: Das Work and Travel Visum ist eine tolle Option, um ein Land kennenzulernen. Man kann das Land bereisen und den Kiwi-Alltag beim Arbeiten kennenlernen. Dabei verdient man sich noch ein wenig Taschengeld für die Weiterreise. Das Work and Travel Visum für Neuseeland kann jeder deutsche Staatsbürger beantragen, der zwischen 18 und 30 Jahren alt ist. Es gilt einmalig für 12 Monate und ist ein offenes Arbeitsvisum für Neuseeland.

Stepin: Erzähl uns etwas über deine Erfahrungen und Erlebnisse während deiner Zeit als Backpackerin im Land der Kiwis. Was waren deine ersten Eindrücke und wie bist du zurechtgekommen? Würdest du mit deiner heutigen Erfahrung etwas anders machen?

Meike: In Neuseeland ist alles etwas kleiner und die Wege sind kürzer. Auch gibt es hier nur 4 Mio Menschen, die teilen sich zwar das Land mit 40 Mio. Schafen und 70 Mio. Opossums, aber trotzdem ist es eher »leer« in Neuseeland – wenn man sich nicht gerade in einer größeren Stadt aufhält. Als ich im Januar 2008 in Christchurch angekommen bin, war mein erster Eindruck: »Das sieht ja hier so aus wie bei uns!« Bei einem so langen Flug erwartet man irgendwie, dass alles ganz anders ist, aber da man in einer Stadt ankommt und diese nicht viel anders ist als die europäischen Städte, muss ich zugeben, war ich erst einmal ein wenig enttäuscht.

Ein Kauri Baum in CoromandelNach 5 Tagen bin ich dann aber auf Reisen gegangen und war sofort Hin und Weg von der Schönheit der Landschaft. Innerhalb von 100km ändert sich eine schneebedeckte Hügellandschaft zu goldenem Sandstrand mit türkisem Wasser. Am Anfang war es schwierig die ganzen bürokratischen Regeln und Abläufe zu verstehen oder herauszufinden, wer für was zuständig ist, um »arbeitsfähig« zu sein (z.B. Steuernummer, Bankkonto etc.).

Zusammenfassend betrachtet, war mein Work & Travel Jahr einfach genial. Ich habe es geliebt, vor allem die Freiheit, die man auf einmal hat. Ich konnte ganz alleine entscheiden, wo ich hingehe und was ich mache. Ich musste mich nicht an irgendwelche Zeiten halten. Wenn es mir irgendwo gefiel, dann bin ich einfach geblieben. Es kommt kein Alltag auf! Man lernt sich auch selber viel besser kennen und erkennt ganz neue Seiten an sich. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass man mit sich selber auskommen muss und man auch mal alleine sein kann.

Stepin: Für viele Leute, die einen Work and Travel-Aufenthalt planen, stellt sich zunächst die Frage, ob sie mit einer Organisation reisen oder den Trip selber planen können/wollen. Was denkst Du darüber?

Meike: Das mit den Organisationen ist Geschmackssache und hängt auch viel von der eigenen Persönlichkeit ab. Wie viel traut man sich am Anfang zu und inwieweit ist man bereit alles selber zu organisieren.

Stepin: Während deines Aufenthaltes hast du einen festen Job bekommen, der Dir die Möglichkeit bot, in Neuseeland zu bleiben. Wie kam es dazu und hattest du die Idee vom Auswandern schon vorher?

Meike: Als ich damals angekommen bin, habe ich erst einmal 3 Monate Urlaub gemacht und bin von Hostel zu Hostel gezogen. Während dieser Zeit habe ich unendlich viele Alleinreisende kennengelernt, was mir sehr gut getan hat. Ich konnte mir das Land anschauen und mich eingewöhnen. Allerdings weiß ich auch, dass viele diesen Luxus nicht haben und sich aus finanziellen Gründen ziemlich schnell einen Job suchen müssen.

Ein Wasserfall in NeuseelandIch habe zunächst in zwei Hostels für Kost und Logis gearbeitet, bevor ich in Christchurch für 3 Monate einen Job im Immatrikulationsamt an der Fachhochschule bekommen habe. Dabei ging es um Dateneingabe und Archivierung von Dokumenten. In der Zeit habe ich mir dann auch ein WG-Zimmer mit meiner deutschen Reise-Kumpanin geteilt.

Nach dieser Zeit bin ich dann wieder einen Monat rumgereist. Anschließend ging es wieder zurück nach Christchurch. Ich hatte den Entschluss gefasst, einen Job zu finden mit dem ich weiter in Neuseeland bleiben konnte und den habe ich dann auch glücklicherweise an der Universität in Lincoln gefunden. Das mache ich noch heute –  nun schon beinahe 2 Jahre.

Die Idee vom Auswandern hatte ich vorher nicht. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen. Aber manchmal entwickeln sich die Dinge einfach anders als man sie plant. Es war auch keine leichte Entscheidung und ich habe mich immer vor dem Wort »auswandern« gesträubt und wollte mir die Tür nach Deutschland offen halten. Na ja, nun komme ich in mein viertes Jahr in Neuseeland, da kann man dann wohl von »ausgewandert sein« reden.

Stepin: Als Auswanderin bist du jetzt wahrscheinlich Experte auf dem Gebiet. Kannst Du unseren Lesern einen kleinen Einblick in die Prozedur geben? Worauf kommt es an bzw. welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein um eine Arbeitsgenehmigung (Work Permit) oder Aufenthaltsgenehmigung (Residency Permit) zu erhalten?

Meike: Die Prozedur ist in beiden Fällen langwierig, anstrengend und vor allem kostspielig. Für ein Work Visum braucht man einen Job, denn das Visum ist an diesen Job gebunden. Das bedeutet aber auch: Job weg = Visum weg. Das Work Visum kostet ca. 500 Euro und der Arbeitgeber muss nachweisen, dass er keinen Neuseeländer für die Stelle einstellen kann.

Ich liegend auf einem Steg am Nelson Lakes NP

Der Prozess der Permanent Residency (uneingeschränkte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis) ist noch teurer und noch langwieriger. Es dauert mindestens 6 Monate. Die Kosten belaufen sich auf 2000,- bis 5000,- Euro, was hauptsächlich von den Übersetzungen und Nachweisen abhängt, die man vorlegen muss.  Wenn man die »Residency« dann hat, ist man die ersten zwei 2 Jahre sozusagen »Resident auf Probe«. Wenn man diese Zeit überstanden hat, steht man den Rechten der Bürger in Nichts nach.

Stepin: Mittlerweile sind fast drei Jahre vergangen und Du bist immer noch in Neuseeland. Kann man sagen, dass Du dich dort wohl fühlst und auch noch eine Weile bleiben wirst? Dein Südinsel-Reisebericht, der vor kurzem hier auf der Weltneugier erschienen ist, vermittelt zumindest das Gefühl, dass Du Land und Leute lieben gelernt hast.

Meike: Ja, das stimmt, aber wie lange ich bleibe, dass kann ich momentan noch nicht sagen. Solange es sich gut und richtig anfühlt! Ich habe seit April die Permanent Residency, die es mir erlaubt für immer in Neuseeland zu bleiben. Ich muss aber mindestens einmal im Jahr meine Familie sehen, entweder in Deutschland oder in Neuseeland, eben was für’s Herz. Deutschland ist und bleibt für mich meine Heimat.

Stepin: Die Rugby-WM in Neuseeland (09.09. – 23.10.2011) wirft Ihre Schatten voraus und immerhin ist dies das drittgrößte Sportereignis weltweit. Wir wissen, dass Rugby in Neuseeland einen wesentlich höheren Stellenwert als hier in Deutschland hat. Kriegst Du von den Vorbereitungen etwas mit bzw. interessierst Du Dich überhaupt für den Sport?

Meike: Leider sind die Vorbereitungen in Christchurch wegen des Erdbebens auf Eis gelegt worden und gestern wurde bekanntgegeben, dass in Christchurch keine Spiele stattfinden werden. Das Stadion und die Infrastruktur sind zu stark beschädigt. Das war ein schwerer Rückschlag für die Einwohner in Christchurch.

Generell wird man überall an das Event erinnert: auf der Cornflakes Packung, in der TV-Werbung und in Zeitschriften. Auf dem Marktplatz an der Cathedral stand auch schon seit über einem Jahr eine Countdown-Uhr, die die Zeit bis zum Start der WM zurück zählt. Ich freue mich schon sehr auf die WM, nicht weil ich ein Rugby Fan bin, sondern weil die Stimmung im Land einfach großartig sein wird.

Stepin: Wir haben uns vor einigen Monaten im Rahmen einer Themenwoche sehr intensiv mit den australischen Ureinwohnern, ihrem Verhältnis zum australischen Staat und dem Kampf um politische Anerkennung beschäftigt. Soweit wir es aus der Distanz beurteilen können, ist das Verhältnis bzw. die gesellschaftliche Stellung der Maori in Neuseeland ähnlich kompliziert. Uns würde nun interessieren, inwieweit dieses Thema Teil der öffentlichen Wahrnehmung ist? Falls ja, kannst Du uns darüber etwas berichten?

Meike: Ja, diese Problematik wird hier auch öffentlich diskutiert, aber es geht den Maoris hier besser als den Aborigines in Australien. Sie haben wesentlich mehr Rechte und Unterstützung vom Staat. Auch haben sie mehr Einfluss auf die Regierung – dennoch beschweren sie sich. Es ist ein schwieriges Thema und gerade als Auswanderin, die gerade mal 3 Jahre hier ist, ist es schwierig sich eine Meinung zu bilden. Ich habe viele Entwicklungen wie z.B. politische Bewegungen und Entscheidungen einfach nicht miterlebt.

Stepin: Zum Schluss die Chance auf die berühmt-berüchtigten »letzten Worte« (…)

Meike: Die Welt ist groß und will entdeckt werden!

Stepin: Vielen Dank.

Meikes Blog: www.work-travel-nz.com

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Ein Kommentar

  1. Verena

    Verena

    23. März 2011 at 17:17

    Sehr schönes Interview! Das macht Lust auf mehr – Neuseeland oder einfach die Welt erkunden…

    Antworten

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