Teil 3: Backpacker – Kollektiver Individualismus

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Wie am Ende des letzten Artikels unserer kleinen Backpacker-Serie Australien angekündigt, widmet sich die Weltneugier mit dem dritten Teil nun den Schattenseiten des Rucksacktourismus.

Schaut man sich in einem ersten Schritt die von Hampton genannten Punkte genauer an, so gibt es (nicht nur) in Bezug auf Australien einiges zu hinterfragen.

Sind Backpacker die Touristen mit dem größten lokalen Bezug?

Hamptons Aussagen suggerieren, dass das Verhältnis der Backpacker zur lokalen Bevölkerung eigentlich eng sein müsste.

  • Rucksack und Stiefel eines BackpackersBei näherer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass dieser Kontakt sich hauptsächlich auf die in der Backpacker-Gastronomie und -Hotelbranche tätigen »friendly locals« beschränkt.
  • Darüber hinaus merken diverse Studien an, dass ein Großteil der Backpacker fast ausschließlich den Kontakt zu seinesgleichen sucht und sich nur in diesem sozialen Umfeld bewegt.
  • Gerade am Beispiel Australien wird deutlich, dass dieser Effekt durch die Tourismusbranche forciert wird und inzwischen eine ganze Industrie von dieser Zielgruppe lebt. Billige Unterkünfte, günstige Bars, Busunternehmen und die Einführung des »Working Holiday Visa« – sie alle machen deutlich, dass kaum ein anderes Land der Welt die Rucksackreisenden so stark hofiert wie Australien. Denn, so Matt Hingerty (Australian Tourism Export Council managing director): »Today’s backpackers are tomorrow’s high-spending tourist families.«

Wollen Backpacker einfach nur andersartige Touristen sein?

Nicht nur die Daten von Tourism Australia legen nahe, dass die Rucksackreisenden inzwischen genauso konsumfreudig sind wie das ursprüngliche »Feindbild« des Massentourismus. Zwar halten sich viele von ihnen nach wie vor für die besseren bzw. echteren Reisenden.

Backpacker jubeln am Strand während des Sonnenuntergangs

Jedoch, so der Kulturwissenschaftler John Hutnyk, suchen sie als Lonely Planet-Touristen lediglich das ihnen Bekannte in der Fremde (banana pancake trail). Treibt man diese Überlegung auf die Spitze, so bleibt mit dem bisher Gesagten nicht mehr viel vom Gegenentwurf übrig. Und dieser Schritt wird ihnen relativ leicht gemacht.

  • Wenn also diese Gruppe während des Reisens lediglich den Anschluss an das Bekannte sucht, dann ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass – so die Ergebnisse von Jana Binder – die Gesellschaften der bereisten Länder nicht sonderlich differenziert wahrgenommen werden.
  • Vielmehr verstärkt diese »geschlossene Gesellschaft« tradierte Stereotype von vermeintlich homogenen Nationalkulturen (der Australier, die Thais etc.). Nicht umsonst findet sich in nahezu allen Berichten das Gleiche: (a) alles, was irgendwie fremd ist, um die Exotik ihrer Reiseziele zu zeigen. (b) Braun gebrannte Backpacker.

Unterstreichen Backpacker nur die schon vorhandenen Klischees?

Mit anderen Worten leben sie alle das aus, was sie als typisch empfinden und reproduzieren durch ihre Fotos, Mails und Blogs nichts als eine Reihe von Klischees.

Drei Backpacker schießen Fotos von SehenswürdigkeitenKurzum, die Begegnung mit dem Fremden bleibt ausschließlich imaginär und betont gleichzeitig das eigene Anderssein. Auf der einen Seite die statisch in ihren Nationalgrenzen befangenen Einheimischen, auf der anderen Seite die mobilen bzw. flexiblen Backpacker. Angesichts dieser Form der Reiseberichterstattung möchte man mit Victor Segalen antworten:

»Von jeher habe ich jene Art von Reiseberichten für suspekt oder illusorisch erachtet: Abenteuergeschichten, Reisenotizen, Berichte – voller pausbäckiger Treuherzigkeiten – über Taten, die man an ganz bestimmten Orten, im Laufe einer genau festgelegten Abfolge von Tagen begangen haben wollte.«
(Victor Segalen, Aufbruch in das Land der Wirklichkeit, S. 7).

Abschließend bleibt eigentlich nur die boshafte Feststellung, dass die Rucksacktouristen eigentlich dazu gezwungen sind, diese Exotik zu betonen. Denn nur durch sie können sie sich vom Massentourismus absetzen und ihrer Reise eine besondere Qualität verleihen. Unbekanntes Territorium: wild, fremd und abgeschieden. Wo dieses »unentdeckte Land« liegt, scheint letztendlich egal. Es ist sowieso schon alles entdeckt bzw. alle Reisen unternommen. Falls es dennoch unberührte Flecken zu entdecken gibt, werden sie mit Sicherheit als Geheimtipp in einer der nächsten Auflagen des »Lonely Planet« erscheinen.

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