Stina in Island #8: Eine Runde Isländer-Kunde

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Trotz 27 Kleidungsstücken am Leib lässt Stina sich die Laune auf der Farm in Island nicht verderben. Ihr Highlight: Das Mittwinterfestival auf dem es isländische – wenn auch recht fragwürdige – Spezialitäten zu essen gibt und die Isländer auf den Tischen tanzen. Außerdem klärt uns Stina über das Wesen der Isländer auf und beschreibt das Zusammenleben in ihrer »Wikinger-WG«.

Sonne, dich gibt’s noch?

Die Sonne hängt tief über den schneebedeckten HügelnDen Januar begann ich mit einem Sonnenbad. Jedenfalls von Nasenspitze bis Stirn. Der Rest war in mindestens zwei bis vier Schichten Kleidung, wahlweise auch in eine Schicht Wolle, eingepackt.

Im Winter hat man auf Island tagsüber nur vier Stunden Sonnenlicht und die Sonne hängt so tief am Himmel, dass sie es die meiste Zeit gar nicht über die Hügelkuppen schafft. So habe ich das erste Mal, als sie mir wieder begegnete, alle Stalltüren aufgerissen und so viel Sonnenlicht wie möglich hereingelassen. Die erste Chance auf ein kurzes in der Sonne aalen konnte ich also nicht verstreichen lassen – trotz Minusgraden.

Brrrrrrrrr.

Knapp zwei Wochen lang hatten wir beständig minus zehn bis minus fünfzehn Grad. Das war wirklich biestig kalt! Bei solchen Temperaturen geht man dann auch nur noch dreilagig raus.

Schneebedeckter HuegelMeine Wintergarderobe bestand aus zwei Paar Wollsocken, eins davon echte isländische Schurwollstricksocken, und meinen Gummistiefeln, ja, die werden hier den ganzen Winter durch getragen. Darüber Thermo-Leggins unter der Jeans. Ebenso ein Thermo-Shirt, eine dicke Strickjacke und einen Fleece-gefütterten Arbeitspullover. Um den Hals trug ich einen wollenen Buff und meinen Strickschal, den ich bis über die Nase gezogen habe. Auf dem Kopf hatte ich grundsätzlich eine ebenfalls mit Fleece gefütterte Wollmütze und dicke, wasserfeste Handschuhe über den Fingern.

Damit sah ich zwar aus, wie das Michelin-Männchen, aber es hielt wenigstens warm. Abgesehen von der Arbeit, die natürlich auch warmgehalten hat. Doch selbst in 27 Kleidungsstücken muss man in Bewegung bleiben, wenn man seine Zehen weiterhin spüren möchte.

Party!

Wenn es so kalt ist, feiern die Isländer gerne mal, um sich abzulenken. In diesem Fall durfte ich mit zu dem althergebrachten Mittwinterfestival, bei dem es traditionelles isländisches Essen geben würde.

An dem Abend wurden die Kühe früher versorgt und die versammelte Mannschaft sprintete durchs Bad, damit wir auch vorzeigbar waren. Die Isländer können sich mit einer Dusche und schicken Klamotten von einem Schaf in einen Menschen verwandeln und sie machen sich sehr, sehr hübsch, wenn sie ausgehen.

Eine Band spielt auf dem MittwinterfestivalDafür, dass diese Veranstaltung nur für unseren Bezirk war, waren ziemlich viele Menschen in dem großen Ballsaal. Für isländische Verhältnisse jedenfalls groß. Also 200 Menschen waren es schon. Dort wurden dann zunächst Reden gehalten und Sketche präsentiert. Auf Isländisch selbstverständlich. Glücklicherweise hatte ich eine Bayerin mit hiesigen Sprachkenntnissen neben mir, mit der ich mich aber mehr im Flüsterton nebenher unterhielt, als dass wir den Ausführungen der endloslangen Reden folgten. Ups. Aber die Witze zünden auf Isländisch sowieso besser, als übersetzt.

Ilk. Eklig.

Nachdem die Reden abgehakt waren, kam der tatsächlich interessante Teil des Abends. Das Essen. Es gab traditionelle Spezialitäten und speziell trifft es in diesem Fall wohl ganz gut, vielleicht auch eher sonderbar. Man muss dabei bedenken, dass auf Island so gut wie kein Getreide wächst, weshalb die Menschen sich lange, lange nur von Fisch und allem, was das Schaf so hergibt, ernährt haben. Also gab es neben Räucherfleisch auch Sülze, Bockhoden und gebrannten Schafskopf, sowie Trockenfisch, Wal und Hai.

Es bleibt zu gestehen, dass ich mich an dem Abend an Heringssalat, den wir auch aus Deutschland kennen, sowie pfannkuchenartiges Flachbrot, süßes Vollkornbrot und an die Süßigkeiten, die zum Kaffee gereicht wurden, gehalten habe.

Gunna sagte später über mich, dass ich in Island des vergangenen Jahrhunderts vermutlich verhungert wäre, weil ich ja nicht mal Slaughter essen würde, wofür ich viele schräge Blicke erntete. Man erinnere sich an meinen ersten Tag auf dem Hof, als am Küchentisch Schafsmägen zusammengenäht und mit Leber und Blutwurst gefüllt wurden. Nein, nein, das lassen wir mal lieber. Dafür gibt es aber Milch, Eier, Fisch und Skyr in Mengen, also wäre ich wohl doch nur typisch isländisch dürr gewesen.

Da wird auf den Tischen getanzt.

Halbierte Schafsköpfe auf einem TablettDer Abend des Mittwinterfestes ging darin über, dass eine Band Musik spielte und später die Tische beiseitegeschoben wurden, damit getanzt werden konnte. Obwohl es an diesem Abend lange dauerte, bis sich jemand aufs Parkett wagte und selbst dann die Stimmung schleppend in Gang kam. Meine Isländer erzählten mir später, dass die Organisatoren sich dieses Jahr nicht einig gewesen seien und der Abend insgesamt verglichen mit vorigen eine Katastrophe gewesen wäre, weil normalerweise bis zum Morgen getanzt würde und beste Stimmung herrschte. Das war an diesem Abend nicht so, aber für mich war es trotzdem ein Ereignis.

Halbierte Schafsköpfe, also wirklich. Da bin ich nur glücklich, dass das nicht regelmäßig bei uns auf den Tisch kommt, wie auf einem der nächsten Höfe, wo eine Vegetarierin arbeitet. Na, Prost, Mahlzeit!

Arbeit zum Ausnüchtern.

Dafür, dass die Isländer feiern können, können sie aber auch arbeiten, das muss man ihnen bei dem Alkoholkonsum – und da stimmt das Vorurteil von feierwütigen Isländern – hoch anrechnen. Gunna und ich machten uns so gegen zwei mit der Bayerin aus dem Staub, weil wir alle drei am nächsten Morgen Kühe zu melken hatten, aber mein Gastbruder und Kumpane kamen nicht vor vier und standen trotzdem um neun auf der Matte und wenn dann alle mit anpacken, geht die Arbeit schnell und man kann immer noch gemütlich den Nachmittag über faulenzen.

Wikinger-WG

Weil sich im Winter der Tagesablauf schlichtweg Tag für Tag wiederholt, will ich an dieser Stelle mal einen anderen Einblick geben. Wie ist das eigentlich so, mit den heroisch dauermürrischen Wikingern zusammen zu wohnen? Wohnen die überhaupt? Leben die nicht auf Schiffen, um neue Gefilde zu erkunden, trinken Bier aus Schädeln und plündern ihre Nachbarn, wenn es an Kaffee mangelt? Nöp, so ist es nicht… mehr.

Kleine Isländer-Kunde vorneweg:

  1. Isländer sind stur und stolz.
  2. Isländer sind Familienmenschen.
  3. Isländer richten sich nach dem Wetter, deshalb sind Isländer planungsunfreudig und spontan.
  4. Isländer sind tiefenentspannt, die bringt nichts so schnell aus der Ruhe, aber wenn, dann sieh zu, dass du Land gewinnst!
  5. Wenn sie denn mal streiten, sind sie aufbrausend und laut.
  6. Isländer lieben Kaffee und Lakritz. Das sind Naschkatzen.
  7. Bei einem Kaffee sind Isländer, entgegen des Vorurteils, sie seien verschlossen, die gesprächigsten Menschen auf dem Planeten. Sie sind gesellig.
  8. Isländer sind Workaholics.
  9. Isländer sind etwas verschroben, zugegeben.
  10. Isländer haben ihren eigenen Jahresrhythmus, bei dem Wetter auch kein Wunder.
  11. Isländerinnen sehen aus wie Elfen, Isländer wir Wikinger.

Aber nun zu den kleineren und größeren Herausforderungen des haushältlichen Alltags auf einem isländischen Bauernhof. Da wir uns bestens verstehen, teilen wir uns mit Leichtigkeit einen Haushalt. Es ist wirklich ein bisschen WG-mäßig und ein bisschen noch wie bei Mama, aber am Ende muss ich mich selber organisieren.

Haushalt mit Leichtigkeit

…ist eigentlich nicht richtig. Wenn man so viel draußen herumtobt, kommt der Haushalt ziemlich kurz und ist dementsprechend chaotisch, vor allem, wenn so viele Leute zugegen sind. Es ist nicht grundsätzlich dreckig, aber bei so viel Heu und Staub, wie wir allein in den Klamotten mit rein schleppen, könnten wir gut und gerne drinnen ein Schaf halten – das davon auch noch fett werden würde. Dementsprechend oft wird hier gefegt.

WinterlandschaftDie Küche bleibt ein Mysterium. Kaum habe ich aufgeräumt und geputzt, dauert es zwanzig Minuten, bis sie ungefähr wieder so aussieht. Aber ich will mich nicht beschweren, wenigstens den Abwasch erledigt die Spülmaschine und da schmeißen wir alles außer dem großen Bratentopf rein, da er nicht reinpasst.

Die Waschküche ist grundsätzlich vollgestopft mit dreckigen Arbeitsklamotten. Ich, mit meiner hochanspruchsvollen Thermowäsche, die ja nicht in den Trockner darf, stand zunächst vor der Herausforderung: Wohin damit? Raushängen ist im Herbst und Winter auf Island keine so gute Idee, wenn ich sie nicht als Brett wieder reinholen will. Letztlich bin ich darauf gekommen, die Konstruktion über der Badewanne zu nutzen.

Kaffeekränzchen.

Wenn so selten eingekauft wird, weil der Laden knappe vierzig Kilometer entfernt ist, kaufen wir alles auf Vorrat. Obst und Gemüse sind auf Island nicht immer in größter Vielfalt zu erwerben und wenn, dann für teuer Geld. Brot backen wir im Brotbackautomaten selber und alles Weitere gibt es aus der Speisekammer. Eier und Milch allerdings haben wir immer frisch. Eier hole ich morgens aus dem Hühnerstall und Milch bringen wir in kleinen Milchkannen aus dem Milchtank mit rein.

SonntagsgebäckGekocht wird zweimal täglich, weil die arbeitende Mannschaft irgendwo ihre Energie (und im Winter Wärme) herbekommen muss. Hier auf dem Hof gibt es aber noch eine erwähnenswerte Tradition: Sonntags gibt es traditionell Lammbraten und nachmittags Sonntagskaffee mit frischem Backwerk, zu dem sich die ganze Familie zusammen findet. Normalerweise kommt, geht und isst jeder, wenn es ihm gerade in den Plan passt, aber sonntags klappt das irgendwie immer.

Und hier noch ein paar Dinge, die in einem bäuerlichen Haushalt auf den Esstisch gehören: Fernglas, Zeitungen, Schrauben, Werkzeuge, Kreisel, Kugelschreiber, Listenbücher mit den Nummern der Schafe, Kekse und was eben noch so aus der Hand muss, wenn man gerade hereinkommt, der Tisch steht dafür recht günstig, wir essen dann eben am anderen Ende.

Die Elfen haben´s.

Neulich habe ich mit einigen der Schrauben Lampen ausgewechselt und dabei eine fallen lassen, die ich trotz fünfminütiger Suche auf den Knien in der zwei Quadratmeter großen Waschküche nicht wiederfinden konnte. Mein Gastbruder hat mir dann todernst erklärt, die Elfen hätten sie geborgt, ich solle doch eine neue nehmen. Das kann einem auch nur ein Isländer erzählen.

Eure Stina

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About Stina

Stina

Stina ist 18 Jahre alt, wohnt in Brandenburg und hat dort gerade ihr Abitur bestanden. Nach dem Abistress und der langen Lernphase zieht es sie nach draußen. Dafür reist sie Ende 2016 mit Stepin nach Island, um dort nicht nur frische, kalte Luft zu schnuppern, sondern auch um zu sondieren, wie es danach studien- und berufstechnisch weitergehen soll.


Du interessierst dich auch für das Programm »Farmarbeit in Island«? Hier findest du alle Infos: Farmarbeit Island

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