Stina in Island #4: Mein typischer Tagesablauf auf der Farm

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Mit geeigneter Arbeitskleidung ausgestattet kann die Arbeit im Stall auch schon losgehen. Vom Versorgen der Kühe, über das Füttern der Hühner bis hin zum Schafe sortieren ist bei Stinas Farmarbeit in Island alles dabei und ihr wird so schnell nicht langweilig. Doch wie steht es um ihr Heimweh?

Grundsätzliches:

  1. Gummistiefel und Heldenstrumpfhosen sind für Farmarbeit in Island obligatorisch.
  2. Kühe anzuzicken bringt nichts.
  3. Schafe sind stur, sei sturer!
  4. Heu ist überall (selbst in der Spülmaschine hab ich schon welches gefunden).
  5. Wenn du nicht weißt, was zu tun ist, reicht es, im Weg zu stehen und fragend zu gucken.
  6. Ob du erfolgreich im Weg stehst, merkst du, wenn dich etwas umrennt.
  7. Wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, probierst du so lange weiter, bis es geht, manchmal mit Gewalt.
  8. Schafe immer zählen, wenn du sie von links nach rechts sortierst.

Soll ich das tragen oder zum drin Übernachten aufschlagen?

Meine Gastschwester hatte mir schon am ersten Abend ein Paar Gummistiefel gegeben, was eigentlich nur bedeutete, dass sie in den kleinen Keller hinuntergegangen war, um aus der Horde Gummistiefeln, die dort wild durcheinander wohnte, zwei in der gleichen Größe rauszusuchen. Außerdem suchte sie mir eine Arbeitsjacke. In meinem Fall ein beiger Regenpullover mit Fleece-Fütterung. Der ist mir zwar ungefähr fünf Nummern zu groß, aber umso besser, dann kann ich nämlich bei kälterem Wetter mehr Schichten darunter anziehen.

Stina arbeitet auf einer Farm in IslandVon meinem Gastbruder bekam ich einen Overall – so ein blaues Monstrum mit Ein-Mann-Zelt-Qualitäten. Außerdem bekam ich noch ein Paar orangefarbene gummierte Arbeitshandschuhe, von denen mir aber selbst die kleinste vorrätige Größe noch zu groß ist. Wenn es nicht zu kalt oder anderweitig erforderlich ist, arbeite ich daher lieber mit bloßen Händen.

Zusammen mit meinen Heldenstrumpfhosen, den Ski-Shirts, der gefütterten Mütze und dem dicken Schal bin ich jetzt also insgesamt gut eingepackt. Die Arbeitsklamotten hänge ich zwischen die Kompanie an anderer Arbeitskleidung im Hauswirtschaftsraum, in dem neben den überall herumflatternden Arbeitsklamotten und den Werkzeugen auch die Hunde ihr Plätzchen haben. Sowie die Gummistiefel. An Wochenenden können da schon mal zehn Paar – abgesehen von der Größe – identische Stiefel durcheinander liegen. Der Trick ist, sich zu merken, in welche Ecke man seine gepfeffert hat, wenn man hinterher nicht alle zehn Paar nach seiner Größe absuchen will.

Essen auf Rädern: Heu ist fertig!

Der Arbeitstag beginnt und endet immer damit, die Kühe zu versorgen und zu melken. Die Milchkühe stehen jede an einem festen Platz, wo sie mit einem Halfter um den Hals angeleint sind. Von Zeit zu Zeit versuchen sie allerdings auszubüchsen, dann muss man sie durch den Stall scheuchen, um sie wieder einzufangen und an ihrem Platz festzumachen. Das hat etwas von Arbeiterrevolution, wobei »Das Proletariat befreit sich von seinen Ketten« doch irgendwie anders gemeint war.

Kälber fressen im KuhstallDie Kälber, Bullen und nicht zu melkenden Kühe stehen in Gehegen von vier bis fünf zusammen. Man kann dort nicht stehen, ohne dass die Tiere einen beschnuppern oder ihre Zungen nach einem ausstrecken – die neugierigen kleinen Ungewitter. Die Arbeit im Stall sieht so aus, dass ich damit anfange, das Heu, was die Kühe nicht gefressen haben, in »muss raus, weil angefressen und nass« oder »noch brauchbar, weil sie nicht mehr drankamen« zu unterteilen. Den guten Anteil bekommen die Kühe als Vorspeise, den Rest schiebe ich bei den Bullen direkt durch die Tür nach draußen auf den Misthaufen.

Dann fange ich normalerweise damit an, die Bullen zu füttern. Sie bekommen abgesehen vom Heu abends Gerste, die aber leider letztes Jahr beim Einfahren nass war und jetzt in den großen Säcken vor sich hin suppt. Danach füttere ich die Kühe und Kälber mit dem Heu von den Ballen aus dem Lager nebenan. Dafür fülle ich das Heu in einen Klemmwagen mit Feder und schiebe es wie Essen auf Rädern in den Gang, von wo aus ich es verteile.

Balanceakt

Dazu gehört alle zwei bis drei Tage aber auch einen neuen Heuballen aufzumachen. Dafür muss der Ballen erstmal in die richtige Position gerollt oder gedreht werden, wenn das nicht der Traktor schon gemacht hat. Die Jungs machen das mit links, für mich allein – keine Chance. Also machen wir das zu zweit. Dann muss die Plastikverpackung runter, das Netz darunter weg und dann kommt der spaßige Teil: Ich hole die Ballensäge, die mir ungefähr bis zur Hüfte reicht, von der Wand, wo sie in einer Aufhängung angebracht ist.

Stina arbeitet auf einer Farm in IslandDanach nehme ich drei Schritte Anlauf und muss erstmal auf den Heuballen rauf. Inzwischen sehe ich einen Nutzen darin, dass sie einen in der Schule mit Bocksprungübungen quälen. Unter großem Getöse schneide ich den Ballen von der Außenkante Richtung Mitte, wobei man darauf achten muss, immer auf beiden Seiten der Schnittkante zu stehen, sonst ähnelt das dem Absägen des Astes, auf dem man sitzt. Das habe ich auch schon geschafft, und hab dann mitsamt Säge einen Abgang gemacht, aber da lag zum Glück Heu, sodass weder Säge noch ich Schaden genommen haben.

Danach wuchte ich das Ding nur noch wieder in seine Aufhängung und kann das Heu verfüttern. Vier Wagen, zwei pro Seite. Dann bekommen die Kühe zusammen mit Maisschrot Mineralien und Proteine in Form von Fischmehl. Nach einer zweiten Sorte Heu bin ich schon fast wieder fertig.

Minimilk

Die Kälber kriegen noch Milch, die ich literweise in Wassereimern abmesse und mit heißem Wasser aus der Leitung mische, damit sie nicht zu kalt ist. Ein Kalb bekommt dabei je nach Alter zwei Liter Milch mit einem Liter Wasser. Je älter sie werden, desto mehr Heu und weniger Milch bekommen sie, bis sie ganz abgewöhnt werden.

Kühe tränkenBeim Abmessen der Milch kommt es ab und an vor, dass ich mir selbst ein bisschen Milch überkippe, Gunna meinte dann ganz trocken, ich solle an Cleopatra denken, die hätte das aus gutem Grund als Schönheitspflege genutzt, wobei man dazu sagen muss, dass sie Eselsmilch – lauwarm, zum darin baden – hatte. Erst strecken die Kälber ihre Zungen schon aus, wenn sie mich nur kommen sehen, und dann schlecken sie die Eimer meistens bis auf den letzten Tropfen leer.

Wenn nichts mehr kommt, fangen sie an, an allem zu saugen, was nicht niet- und nagelfest ist, so auch an mir. Nicht gut, aber besonders süß ist, wenn sie sich gegenseitig an den riesigen Öhrchen saugen. Mit denen schlackern sowohl Kühe, als auch Kälber, wenn man ihnen Heu über den Kopf gekippt hat, was sehr witzig aussieht. Während ich all das erledige, melkt Gunna die vierundzwanzig Milchkühe und schiebt ein bisschen Mist zusammen, der nicht durch die Gitter in die Güllegrube gefallen ist, den ich dann nur noch auf die Schubkarre schaufeln muss, bevor ich diese nach draußen bringe.

Unsere kleine Eierfabrik

Morgens füttere ich im Anschluss noch die Hühner. Die bekommen alles, was drinnen übrig bleibt. Von verbrannten Hefeschnecken bis zu Fisch ist alles dabei. Nur die Reste vom Hühnerfrikassee bekommen sie nicht. Das fanden wir dann doch etwas makaber. Ansonsten kriegen sie Futterkorn mit Lysi. Lysi ist Vitamin D-haltiges Fischleberöl. Danach riecht es auch. Fand ich anfangs seltsam. Wirklich schräg wurde es aber, als ich mitbekam, dass die Isländer das im Winter selber direkt vom Löffel aus einnehmen. Deswegen steht eine weitere Flasche bei uns im Kühlschrank. Das ist definitiv nicht meins.

Dafür sind die Hühner gesund und ich kann jeden Tag drei bis vier Eier einsammeln, die ich dann in den Taschen meines Overalls nach Hause transportiere, weil ich meine Hände für die diversen Futterschalen und Türen brauche. Ich warte nur auf den Tag, an dem ich eine ungeschickte Bewegung mache oder mich auf dem Eis lang lege, und die Eier in meiner Overalltasche zerbreche.

Wenn ich damit fertig bin, habe ich meistens um die sechstausend Schritte auf der Uhr. Zum Vergleich: Ein Mensch mit »normalem Alltag« hat durchschnittlich fünf bis sieben Tausend am Tag, die schaffe ich locker bis um zehn. Faul zu sein, kann mir also keiner mehr vorwerfen. Dafür gibt einem die rechtschaffende Müdigkeit abends ein zufriedenes Gefühl.

Irgendwie streifig

Ansonsten spiele ich bei allem das Helferlein, bei dem ich gerade gebraucht werde. Als erstes habe ich Truck und Trailer gekärchert. Das war am Montag nach meinem ersten Wochenende, als Gunna und ich uns ohne den Trubel der Familie besser kennen lernen konnten. Fazit, wir sind auf einer Wellenlänge. Nach dem Kärchern hab ich das erste Mal in den Armen gemerkt, was ich alles gemacht habe, und der Truck war immer noch streifig. Dafür war der Trailer blitzblank, den brauchten wir nämlich am nächsten Tag zu einem kleinen »Sheepfold«. Wenn die Schafe im Herbst vom Hochland herunter getrieben werden, müssen sie sortiert werden. Dafür werden sie in ein großes Gehege gesperrt, von dem kleinere für jede Farm in der Umgebung abgehen, in die man sie hinein zerrt.

Schafweide in IslandDas war zwar alles schon durch, als ich in Island ankam, aber die Nachzügler mussten auch noch sortiert werden. Dort wuseln dann Schafe, Menschen in Isländer-Pullovern, Hunde, Kinder und Pferde durcheinander. Die Schafe waren so wenige, dass sie in einem kleinen Gehege zusammengepfercht waren, so eng, dass man sich kaum bewegen konnte. Aber dann steht man da, in einem Meer aus Wolle, den kalten Wind um die Ohren und schaut von dem Hang über einen See und es ist großartig. In solchen Momenten vergesse ich das Heimweh, mit dem ich mich in der ersten Woche noch herumärgerte vollkommen. Zumal ich dort bei dem Sheepfold noch zwei weitere deutsche Mädels traf, die ebenfalls hier auf umliegenden Farmen arbeiteten, und wir verstanden uns auf Anhieb.

Einführungskurs in Sturheit

Zwei von uns waren noch nicht so lange da, also jubelten wir, als wir jede unser erstes Schaf seinem Gehege zugeordnet hatten. Kleiner Einführungskurs im Umgang mit Sturheit: Bei den Hörnern oder am Wollkragen packen, festhalten (!!!), zwischen die Knie nehmen und durch-set-zen! Da heißt es tatsächlich stur sein und die Muskeln spielen lassen, um den eigenen Kopf durchzusetzen.

Schaf in IslandDas muss auch bei allen anderen Arbeiten mit den Schafen sein, wenn wir die Lämmer zum Schlachten wiegen beispielsweise, hintere Klappe auf, Hebel rüber, Gewicht ablesen und ansagen, Klappe vorne auf, Schaf raus, nächstes Schaf. Oder beim Sortieren fürs Schlachten. Dabei haben die Jungs nach mir unersichtlichen Kriterien Lämmer ausgesucht, die sie zur weiteren Zucht behalten werden. Dann heißt es Tür auf, scheuchen, Tür zu, sortieren, zurückscheuchen, bis die glücklichen alle in einem Gehege zusammensitzen. Der Rest wurde an einem Dienstagvormittag in zwei großen Viehlastern auf Nimmerwiedersehen abgeholt.

Du dumme Kuh!

Über einen Vormittag muss ich zwei Sätze mehr erzählen. Morgens wurden drei Bullen und zwei Kühe zum Schlachten abgeholt und danach haben wir zu zweit die jüngeren Kühe von der Weide in den Stall geholt. In dem Zusammenhang kann ich gleich die Herkunft zweier Sprichworte klären – »Du dumme Kuh« und »Die Kuh vom Eis holen« kann ich jetzt zweifelsfrei bestätigen.

Man erinnere sich kurz an meine Bedenken bezüglich der Auffahrt. An diesem Tag war die Witterung so beschaffen, dass die Auffahrt vereist war. Die Kühe schlitterten also in der unelegantesten Weise – Kühe sind ja so schon nicht die grazilsten Wesen – die Auffahrt hinunter. Man helfe einer Kuh also bitte immer vom Eis. Unten angekommen, kostete es uns für 12 Kühe dann auch »nur« drei Stunden, jede an ihren Platz zu bringen. Kühe sind beinahe so stur wie Schafe und leider nicht die hellsten. Wenn also das nächste Mal jemand »dumme Kuh« sagt, muss das eine Tatsache sein.

Das böse Wort mit »H«

Ein Wort noch zum erwähnten Heimweh. Wenn plötzlich alles neu und ungewohnt ist, alles anders aussieht und alles anders riecht, man in fremder Umgebung noch nicht weiß, wie der Hase läuft, kann das einem, abgesehen davon, dass es aufregend ist, anfangs Angst einjagen. Das böse Wort mit »H« hat mich also auch in der ersten Woche heimgesucht. Heim-gesucht gefällt mir in diesem Zusammenhang.

Meistens hatte ich morgens welches, wenn ich in einem Bett aufgewacht bin, das noch nicht meins war, und es verzog sich über den Tag, wie Regenwolken, sobald ich arbeitete. Svanborg hatte mir diesbezüglich Ratschläge gegeben. Isolier‘ dich nicht in deinem Zimmer, such‘ dir eine Beschäftigung, schaffe dir selbst ein Zuhause. Alles wichtige Hinweise. Am wichtigsten für mich war aber der: Du wirst jeden Tag Heimweh bereuen! Wenn du dich jetzt hinsetzt, die Wand anstarrst und nur an alles denkst, das nicht gut läuft, dann vergisst du dabei das Schöne und Zuhause wirst du dich fragen, wie es gewesen wäre. Also genieße es – jetzt.

Deswegen habe ich mich einmal richtig mit dem Thema auseinandergesetzt. Warum habe ich Heimweh? Was ist hier so anders, dass es schwer für mich ist? Und vor allem: Wenn dir jetzt und hier jemand ungefragt ein Flugticket in die Hand drücken würde, würdest du wirklich gehen wollen? Diese Frage stelle ich mir ab und an wieder und solange die Antwort »Nein« lautet, lassen sich auch die kleinsten Bisse verscheuchen. So hat es bei mir »Klick« gemacht und das böse »H« war vom einen zum anderen Tag weg! Husch, husch, ins Körbchen!

Bis bald,
Eure Stina

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About Stina

Stina

Stina ist 18 Jahre alt, wohnt in Brandenburg und hat dort gerade ihr Abitur bestanden. Nach dem Abistress und der langen Lernphase zieht es sie nach draußen. Dafür reist sie Ende 2016 mit Stepin nach Island, um dort nicht nur frische, kalte Luft zu schnuppern, sondern auch um zu sondieren, wie es danach studien- und berufstechnisch weitergehen soll.


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