Die Tage werden immer länger. Bei ihrer Farmarbeit in Island heißt es für Stina trotzdem: weiterhin fleißig sein und sich um die Kühe und Lämmer kümmern. Das Wetter spielt dabei ziemlich verrückt.

Wasser Marsch!

Ab dem 4. Juni war es wieder gespenstisch still auf dem Hof, nachdem alle wieder abgereist waren. Man könnte sagen, dass ich deshalb einen kleinen Blues entwickelt habe, weil mir das Gewusel und die gemeinsamen Kaffeepausen fehlten. Andererseits hätte ich auch Anfang Juni die Banane vor Müdigkeit fast noch in den Kakao statt ins Müsli geschnippelt, also würde ein bisschen Ruhe uns guttun.

Fohlen WeideJetzt hatte ich auch genug Zeit, um tatsächlich mit den Aufräumarbeiten in den Schafställen zu beginnen, was für mich bedeutete, Wassereimer zu schrubben und die Gehege zu kärchern. Schafsmist wegzuwaschen ist eine Sache für sich. Das dauert ewig, kostet viel Kraft und ich konnte gar nicht so viel auf einmal erledigen, wie ich wollte, da sich beim Arbeiten die Sehnen in meinen Fingern verkürzt hatten. Das tat nicht weh, aber ich hatte Schwierigkeiten, die Hände zu einer Faust zu schließen und Dinge fest anzupacken. Marmeladengläser waren zu der Zeit meine ärgsten Feinde. Deswegen zog sich das Kärchern über ganze vier Wochen. Ein Heidenspaß, aber wozu gibt es denn Krimihörbücher? Und der Tag, an dem ich endlich fertig war, ist mit drei Kreuzen im Kalender gekennzeichnet.

Brrrrrrrrrr, wie kalt!

So schön der Mai wettertechnisch auch war, so kalt war es jetzt im Juni wieder. Zum Uprounden hatte ich wieder meine dicke Jacke an. Beim Skypegespräch mit meiner Mama saß sie mit kurzen Ärmeln in der Sonne und fragte mich, warum ich denn noch meinen dicken Wollschal tragen würde. Weil fünf Grad draußen sind und die Luft auch noch feucht ist. Dagegen half nur Kakao mit der Sahne, die sich oben auf den Milchkannen im Kühlschrank absetzte und die man so schön ablöffeln kann. Mmmh, lecker!

SchafsweideAls ich eines Abends mit meinem Gastbruder noch einmal Schafe von einem Feld aufs andere scheuchte, ich schwöre es hoch und heilig, schneite es ein paar Flocken. Im Juni! Ich verlor beinahe den Glauben. Aber auf der Tour fanden wir noch etwas anderes. Ein Lamm mit gebrochenem Bein, das trotzdem tapfer seiner Mutter hinterherhinkte. Das Bein wurde geschient und die Familie zog in den Stall, bis das Bein wieder belastbar war.

Say Cheese!

Ziemlich bald sollten wir wieder Besuch bekommen. Melli, eine der ehemaligen Arbeiterinnen machte regelmäßig Ferien auf dem Hof und wurde natürlich gleich zum Schafe jagen mit eingespannt.

Inzwischen war Touristensaison auf Island. Unser Hof liegt an einer vielbefahrenen Straße und Schafe scheuchende Farmarbeiter scheinen eine Attraktion für Touristen zu sein. Ich finde es dabei nicht so prickelnd, dass ich jetzt in Gummistiefeln, verdreckten Jeans und meinem Schulsweatshirt beim Schafe jagen auf irgendeinem Urlaubsvideo zu sehen bin.

Aber weil Melli jetzt da war, konnte sie die Kühe übernehmen und ich konnte frei nehmen, weshalb ich meiner Freundin Charly im Gästehaus aushalf. Ausschlafen und Hotelfrühstück waren dafür mit drin. Gunna hat immer nur gelacht und gesagt: »Du hast doch schon wieder gearbeitet, nur woanders«, weil ich das auch bei den anderen in Blönduós schon gemacht hatte. Ich kann eben nicht nicht helfen!

Rendezvous mit dem Stromzaun

Pferd ReiterinEs hatte noch einen Vorteil, dass Melli jetzt da war, denn wir konnten gemeinsam ausreiten. Aber dafür mussten wir die Reitpferde erstmal finden, was schon einen ganzen Vormittag beanspruchte. Sie hinunter zum Hof zu bekommen wiederum war dann relativ simpel. Nach unseren Reitausflügen sortierten wir die Stuten in zwei Gruppen zu den Hengsten, damit es nächstes Jahr wieder Fohlen geben würde.

Nur auf mein Rendezvous mit dem Starkstromzaun hätte ich verzichten können. Als ich eines der Tore öffnen wollte, blieb ich mit dem Handgelenk unglücklich an einem überhängenden Drahtende hängen und bei dem Stromschlag hätte ich fast einen Herzkasper bekommen. Ich bin in meinem Leben noch nicht aus dem Stand so weit rückwärts gesprungen. Eine Brandnarbe bleibt bis heute als Andenken auf der Haut zurück.

Zorn diabolischen Ausmaßes

Auch die Kühe genossen derzeit die Gesellschaft eines jungen Bullen, der jedoch immer aufdringlicher wurde. Mit den Kühen umzugehen funktionierte immer besser. Trotzdem steht auch jetzt noch überdurchschnittlich häufig das Wort »Wutausbruch« im Zusammenhang mit Kühen in meinem Reisejournal. Denn eines Tages verschwand eine der Jungkühe zwischenzeitlich auf der Weide und brachte mich somit an den Rand der Verzweiflung, da ich an diesem Abend alleine arbeitete. Glücklicherweise tauchte sie von selbst wieder bei ihren Altersgenossinnen oben am Tor wieder auf. Zumindest den Bullen holten wir dann doch gemeinsam mit vereinten Kräften wieder in den Stall.

Freunde der Mitternachtssonne

Inzwischen wurden die Tage immer länger. Ich richtete meinen Tag-Nacht-Rhythmus also nicht mehr nach der Sonne, sondern stupide nach der Uhr. Der 21. Juni war Tag der Mitternachtssonne. Der Tag des Jahres, an dem man um Mitternacht noch die Sonne sehen sollte. Charly und ich wollten das natürlich nicht verpassen und planten, vielleicht an den Atlantik zu fahren und um Mitternacht baden zu gehen. Jedoch zog uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung, denn es war bewölkt.

Schafe im TransporterDa mein Schlafrhythmus eh durcheinander war, vertrieb ich mir die Nacht mit Saat in den Boden zu walzen. Ich bekam einen Traktor-Crashkurs und zog dann fleißig meine Bahnen auf dem Feld, auf dem die Kühe später Raps bekommen sollten. Damit konnte ich wenigstens behaupten, dass ich zur Mitternachtssonne draußen war. Als ich dann wieder reinkam, warteten eine Pizza und ein Zettel, dass ich am nächsten Morgen länger schlafen durfte, auf dem Küchentisch. Eine adäquate Entschädigung dafür, dass ich um Mitternacht keine Sonne gesehen hatte.

Heidi, Heidi. Deine Welt sind die Be-er-ge

Das mit der Mitternachtssonne konnte ich dann glücklicherweise zwei Tage später nachholen, als wir abends nach dem normalen Tagewerk eine LKW- und eine Trailer-Ladung Schafe ganz bis hinauf aufs Hochland fuhren. Gegen Mitternacht waren wir endlich dort. Das Hochland selbst ist eine karge, weitläufige Landschaft ohne jegliches Gesträuch.

Schutzhütte im HochlandWir fuhren hoch bis an einen Fluss, wo es ein eingezäuntes Gehege gibt, in dem sich Mütter und Lämmer nach der langen Fahrt im Trailer wiederfinden konnten. Für einen Abstecher war es schön hier oben.  Die Leute, die das Hochland von Reykjavik aus mit dem Fahrrad überquerten, nur mit einem Zelt als Begleitung, konnte ich trotzdem nicht wirklich verstehen. Einer davon saß vor einer Schutzhütte und winkte uns zufrieden, als freue er sich, Menschen zu begegnen. Um zwei waren wir dann zurück und ich fiel todmüde ins Bett.

Bis Bald,

Eure Stina

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