Für Stina beginnt bei ihrer Farmarbeit in Island die Lämmersaison. Das gute Wetter kann sie nur selten genießen, denn mehrere Hundert Lämmer erblicken auf der Farm das Licht der Welt und sind auf ihre Hilfe angewiesen. Dabei gibt es auch einige Problemgeburten.

Mai war die absolute Ausnahmesituation

Lamm schläft auf BauchIm Mai ist Lämmersaison, was viele Landwirte als die arbeitsreichste, aber auch schönste Zeit des Jahres beschreiben. Es muss eigentlich rund um die Uhr jemand im Stall sein, weshalb in Schichten gearbeitet wird. Die ersten paar Tage im Mai waren noch in Ordnung, weil die ersten Lämmer erst so um den siebten herum geboren wurden.

Bis dahin hatten wir sogar Nachmittage, an denen wir leicht bekleidet sonnengebadet haben und damit meine ich nicht nur von der Nasenspitze bis zum Haaransatz oder die Wangen, sondern es war wirklich sommerlich warm. Zwischendurch sogar so heiß, dass wir in unseren Latzhosen bald eingingen und zumindest die zusätzliche Arbeiterin Sandra und ich nirgendwo ohne Wasserflasche hingingen. Einzig und allein die Tatsache, dass Heu auf nackter Haut furchtbar piekst, hielt mich davon ab, nur noch in Shorts und T-Shirt zu arbeiten.

Eiscreme war derzeit unser bester Freund, am liebsten das Türkisch-Pfeffer-Eis mit salzigem Lakritzkern. Dabei mögen wir Deutschen doch kein Lakritz, habe ich mir sagen lassen und wurde ganz verständnislos angeschaut, als ich Unmengen davon aß. So ein Unsinn. Nur, weil sich das Gerücht mit dem Pferdeblut im Lakritz so lange gehalten hat, was übrigens Quatsch ist, weil Lakritz aus Süßholzwurzel gekocht wird.

Willkommen!

In der ersten Maiwoche kam meine beste Freundin Charly nach Island, um über den Sommer in dem Gästehaus ein paar Kilometer von uns entfernt zu arbeiten. Nach einer kleinen Funklücke an ihrem Anreisetag, in der ich schon wieder wie ein aufgescheuchtes Huhn umher rannte, weil ihr Flug zu spät und ihr Bus dafür pünktlich war, war das das Beste, was mir in meinem Aufenthalt noch passieren konnte, weil sie mich auf die ein oder andere Weise gerettet hat. Dankeschön dafür. Nach einem Willkommensbesuch blieb aber erstmal nicht viel Zeit für gemeinsame Ausflüge, weil jetzt die Arbeit erst richtig losging. Die Schafe lammten als gäbe es kein Morgen mehr und um jedes Lamm muss man sich einzeln kümmern.

Das Prozedere:

Es ist rund um die Uhr jemand da, falls es bei der Geburt Probleme gibt. Manchmal sind die Hörner der Böcke zu groß, das Lamm liegt falsch herum oder man muss den Schleim aus Mund und Nase entfernen, damit die Lämmer frei atmen können und nicht gleich ersticken. Danach werden die Mütter mit ihren Lämmern separiert, indem man die Lämmer vor der Mutter her trägt und die ihnen nach läuft, damit sie sie trocken lecken und sich an sie gewöhnen können.

Lamm

Dann muss auch die Nabelschnur gekürzt und mit Jod eingesprüht werden, die roten Flecken hatte ich immer tagelang auf den Fingern, und die Kleinen bekommen zwei bis drei Milliliter AB-Mjólk, was so etwas wie saurer Joghurt ist, um die Verdauung in Schwung zu bringen. Sobald die Lämmer von ihren Müttern als ihr eigen angenommen worden sind, können sie mit einem zweiten Mama-Schaf und deren Nachwuchs zusammengesetzt werden. Dort bleiben sie zwei Tage, dann sind die Lämmer groß genug, sodass sie bei gutem Wetter nach draußen gesetzt werden können.

In der Zeit bekommen sie die traditionellen Ohrschnitte, an denen man später erkennen kann, zu welchem Hof sie gehören und ob es Einzelkinder, Zwillinge oder Drillinge sind. Dann muss man im Herbst nicht mehr jedes einzeln nachschlagen, um auszuwählen, welche geschlachtet werden und welche nicht, weil nur mit Schafen weitergezüchtet wird, die aus einem Zwillingswurf kommen, weil die am ehesten wieder Zwillinge gebären. Das ist am wirtschaftlichsten.

Aber dann gibt es auch noch Lämmer, die gefüttert werden müssen, weil die Mutter nicht genug Milch gibt, oder Lämmer, die von ihren Müttern verstoßen werden, die man dann per Hand aufziehen muss oder einem anderen Mutterschaf als ihres unterschieben kann. Zudem muss jedes Lamm einzeln mit Farbe, Geschlecht, Nummer des Ohr-Tags und Nummer der Mutter in einem Buch verzeichnet werden. Nach zehn Lämmern hatte ich die Nummern für Geschlecht und Farbe im Kopf und so läuft das Registrieren wie am Fließband.

Kaffee intravenös

Schafe im Stall

Das Ganze muss für sechshundert Schafe bewerkstelligt werden, zusätzlich zum eigentlichen Tagewerk Füttern und Melken. Man rechne sich aus, was für ein Arbeitsaufwand das war. Ruhige Tage hatten wir für vier Wochen keine und wir haben zu fünft gearbeitet. Gunna in der Frühschicht ab sechs, mein Gastbruder, Sandra und ich tagsüber bis wann immer abends notwendig und mein anderer Gastbruder ist erst zum Mittagessen aufgestanden und hat danach bis morgens um vier oder fünf gearbeitet, damit die Schafe nicht mehr als zwei Stunden unbeaufsichtigt sind.

Das lief gut, obwohl gegen Ende Mai alle etwas abgezehrt und müde waren, dementsprechend stieg der Kaffeekonsum ins Unermessliche. Auch sonst war der Alltag aus den Fugen gerückt, und weil irgendwie jeder immer unterwegs oder schon wieder aufm Sprung war, waren Kekse die Hauptnahrungsquelle und auch sonst wurde zwischendurch „mal eben“ schnell was gegessen. Bei all der Hektik konnten manchmal auch die Gemüter hochkochen, aber das war meistens so schnell vergessen, wie gekommen.

Superman-Problem-Kind

Meine Aufgaben waren wie gehabt im Kuhstall und beim Füttern, obwohl wir uns da zu Zweierteams einspielten und ich meistens im kleineren Stall mithalf. Auch dort mussten Lämmer verlegt und versorgt werden. Das Kürzen der Nabelschnur hat mich anfangs einiges an Überwindung gekostet, genau wie den glibberigen Schleim aus Nase und Maul zu holen, aber sobald Gunna mir gezeigt hatte, wie ich einem Problem-Lamm auf die Welt helfen konnte, war auch das kein Problem mehr. Man wächst schließlich mit seinen Aufgaben.

Schaf wird gefüttert

Später half ich sogar einem Superman-Lamm, so werden die schwierigen Geburten genannt, bei denen das Lamm mit nur einem, statt beiden Hufen voran geboren wird. Schaut euch Superman beim Fliegen an, ihr werdet die Ähnlichkeit sehen. Ich kann also inzwischen behaupten, ich habe einigen Lämmern auf die Welt geholfen und mit der Hand tiefer in einem Schaf gesteckt, als mir lieb ist.

Es ist unglaublich, Leben direkt beim Entstehen zuzuschauen und unheimlich niedlich, wenn die kleinen, schleimigen Monster zum ersten Mal mit den Ohren schlackern und versuchen, auf die Füße zu kommen. Auch das Füttern der Findelkinder blieb mir überlassen. Milch im Wasserbad erwärmen und dann die kleinen mit dem Fläschchen füttern.

Gegen Ende der Lämmerzeit hatte ich ein kleines schwarz-weiß geschecktes Lieblingslamm, ich nannte es Vaiana, das mich noch zwei Monate später oben auf der Weide wiederkennen würde, obwohl mit Helm und zu Pferd dort oben unterwegs war. Das war mein phänomenales Highlight des Sommers.

Ruhe und Frieden… oder doch nicht?

Langsam aber sicher leerten sich die Ställe und die Lämmer sprangen im schönsten Sonnenschein draußen herum und bildeten kleine Grüppchen, in denen sie spielten, ehe sie eines Vormittags alle hoch auf die oberen Weiden getrieben wurden. Von da an kehrte wieder etwas Ruhe ein. Mein Gastbruder war etwas enttäuscht, dass sie die 1000-Lämmermarke dieses Jahr wieder nicht geknackt hatten, aber über die Zeit mit Erholung und Kuchen vergaß auch er das flugs wieder.

Nach unserer Verschnaufpause kam der nächste Kraftakt. Die Kühe, die den Sommer draußen verbringen würden, durften eines schönen Sonntagnachmittages das erste Mal nach draußen. Hat sich schon mal jemand gefragt, wie die Schlagsahne in die Sprühdosen kommt? Ganz einfach, wenn die Kühe vor Freude, wieder nach draußen zu dürfen, wie wild umherspringen, muss man nur noch melken und hat Sprühsahne, fertig zum Abfüllen.

Das Rauslassen war nicht das Problem. Die Kühe kannten den Weg hoch auf die Weide, wo sie bleiben sollten. Das Problem war, sie wieder in den Stall zu bekommen, und das würde mich auch in Zukunft noch den ein oder anderen Wutausbruch kosten sollen.

Auch Kühe können bockig sein

Kühe auf Weide

Das Einfangen der Kühe macht sich wie folgt. Man scheucht sie alle zum Tor der Weide, wenn sie dort nicht sowieso schon stehen und warten. Kühe sind intelligent und wissen in den meisten Fällen, was von ihnen verlangt wird. Dann steht man selbst mit Hirtenstab im offenen Tor und lässt nur die Kühe, die auch gemolken werden sollen, runter. Die Jungkühe stehen schließlich auch noch auf der Weide. Dann folgt man ihnen gelassen bis hinunter zum Stall, wo die meisten von ihnen ganz brav durch die Seitentür nach drinnen gehen, wo man sie »nur« noch in ihre Plätze dirigierten und anbinden muss, bevor man mit Schrot füttern und mit dem Melken anfangen kann.

Es wäre so einfach, wenn sich die jüngeren Kühe nicht weigern würden, durch die Tür zu gehen. Es hat drei Mann, eine halbe Stunde Zeit und jede Menge energische Überzeugungskraft gebraucht, bis wir die letzte drinnen hatten. Ich weiß, ich hatte gesagt, ich hätte nach dem Schneesturm nie wieder darüber nachgedacht, meine Zelte abzubrechen. Aber an diesem Abend, für einen ganz kleinen Moment, war eben diese Überlegung wieder in meinem Kopf aufgeblitzt, weil ich wusste, dass das hier in näherer Zukunft von mir allein erwartet wurde. No way, Freunde der Sonne. No. Way!

Bis bald,

Eure Stina

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