Mehr als die Hälfte ihrer Auslandserfahrung in Island hat Stina bereits hinter sich gebracht. Zu Ostern bekommt sie Besuch von ihrer Familie und geht mit ihnen auf geschichtliche Entdeckungsreise.

April, April.

Am ersten April, ganz ohne zu scherzen, machten die Ungarin und ich einen Ausflug. Wir fuhren zum Myvatn, schauten uns den See an, kletterten in einem vulkanischen Riss in der Erde herum und hielten die Finger ins heiße Wasser in der Grótagjá. Letztendlich ließen wir es uns im Naturbad am Myvatn gut gehen. Das ist ein Schwefelbad, so wie die vielbeworbene blaue Lagune bei Reykjavik, nur sauberer, günstiger und nicht so überlaufen, obwohl auch dort vornehmlich Touristen unterwegs waren. Den nächsten Tag hätten wir auch noch frei gehabt und wollten nochmal wegfahren, aber das Wetter war so widerwärtig, dass uns gar nichts anderes blieb, als auszuschlafen und dann normal weiterzuarbeiten.

Happy birthday to me!

Anfang April hatte ich Geburtstag, den fast siebenhundert Schäfchen mit mir feierten. Tatsächlich bekam ich einen Überraschungskuchen zum Frühstück, für den die Praktikantin extra früher aufgestanden war. Leider war das der letzte Kuchen, den sie für uns backte, denn Ende der Woche packte sie ihre Koffer und machte sich auf den Rückweg nach Reykjavik, wo sie sich mit einem Freund für einen kurzen Trip entlang der Südküste treffen würde, bevor sie kurz vor Ostern wieder nach Hause fliegen würde. Dafür, dass sie abreiste, würde am gleichen Tag jemand für mich am Flughafen ankommen. Meine Familie würde mich über Ostern besuchen.

Stina und Praktikantin

Bis dahin war es nur noch eine Woche, in der die Arbeit mit immer mehr Lämmern auch immer anstrengender wurde. In dieser Woche melkte ich zum ersten Mal ein Schaf, weil der Euter so voller Milch war, dass die geschwollenen Zitzen zu groß für die kleinen Lämmermäulchen waren. Chapeau an jeden, der Schafkäse herstellt. Man braucht zehnmal so viel Milch, wie man am Ende Käse erhält, und viel gibt so ein Schaf nicht. Mit viel Fingerspitzengefühl und größter Mühe bekam ich vielleicht einen viertel Liter aus dem Euter.

Dafür akzeptierte Mama-Schaf mich als Nachwuchs und schaute nun jedes Mal, wenn ich in den Stall kam, als wolle sie sagen: »Da bist du ja, mein Kind, schön, dass du nach Hause gekommen bist.« Es machte ihr auch nichts aus, dass ich ihre Lämmer holte und mich mit ihnen aufs Geländer setzte, um sie zu füttern. Sie war ein liebes Schaf, das sich bereitwillig melken und streicheln ließ, andere musste man festhalten, weil sie ansonsten im Kreis um einen herumliefen und von den Füßen stießen. Ich hatte eine neue Freundin gefunden.

Koffeinüberschuss

Vor Ostern hatte die Familie frei und Gunnas Freundin kam über Ostern zu Besuch. Neben dem Impfen der Schafe (wobei ich mir von den Hörnern an den Knien fette blaue Flecken holte), dem Frühjahrsputz und der normalen Arbeit, wurde auch noch das Wohnzimmer neu gestrichen – man hatte ja sonst nichts zu tun.

Karfreitag wischte ich dann abschließend die Böden in Rekordzeit, polierte die Küche, trank vier Tassen Kaffee, half, obwohl ich den Abend frei hatte, im Stall. Ich checkte hundertmal die Straßenbedingungen nach Reykjavik, die Flugdaten meiner Eltern und rannte wie irre durchs Haus, bis mein Gastbruder mich fragte, ob ich nervös sei. Ich, nervös? Ach, woher denn? Meine Familie ist ja nur auf dem Weg, mich endlich zu besuchen und der übermäßige Kaffeekonsum war vermutlich auch nicht förderlich.

Familie draußen

Bis sie endlich ankamen, rannte ich wie ein aufgescheuchtes Huhn herum. Ich hatte ihnen, als sie in Borganes Halt gemacht hatten, eine Wegbeschreibung mit einer Abkürzung zum Gästehaus am Svinavatn gegeben, und würde ihnen entgegenfahren. Blöderweise hatte ich eine Kreuzung auf der Strecke vergessen, mitten im Nirgendwo, wo sie gestrandet waren und ich sie letztendlich einsammelte. Da stand ein rotes Mietauto verloren in der Landschaft, das konnten nur sie sein. Das Wiedersehen war gelungen, die Freude groß.

In den nächsten Tagen zeigte ich meiner Familie den Norden Islands. Wir fuhren nach Akureyri und nochmal zum Mývatn und ins Naturbad. In Deutschland könnte ich mich mit den vielen blauen Flecken nicht öffentlich zeigen, ohne nach Misshandlung gefragt zu werden, aber die Isländer kennen ihre Arbeitsgewohnheiten.

Isländisches Osterfest

Gunna hatte ganz pragmatisch gefragt, wie viel Lamm sie für Ostern auftauen sollte und uns damit indirekt zum Osteressen eingeladen. Den Tag nutzte ich, um meinen Eltern den Hof und alles, was ich so tat, zu zeigen. Mein Bruder hatte das schon ansatzweise gesehen, weil er bei uns übernachtete. Später beschwerte er sich, dass sein Schlafanzug nach Schaf miefe.

Kalb

Meine Eltern waren nicht schlecht beeindruckt, wie selbstverständlich ich auch mit den großen Kühen umging, und besonders begeistert vom Lämmerkindergarten. Das Osteressen ist eine meiner schönsten Erinnerungen an Island, als meine Familie und meine Gastfamilie an einem Tisch saßen und sich wunderbar verstanden.

Badewanne im Schnee

Den Nachmittag nutzen wir für einen weiteren Trip nach Norden zu einem natürlichen Hotpot. Ich beneide die Wikinger schon, dass sie sich an solch einer Quelle niedergelassen hatten. Rund ums Jahr eine Badewanne mit vierzig Grad Wassertemperatur vor der Haustür. Welch’ ein Luxus! An der Küste sahen wir sogar Robben und Mama bekam jedes Mal einen Herzkasper, wenn wir über eins der Straßengitter gefahren sind, die die Schafe auf ihren Höfen halten sollten.

Geschichtsstunde in Reykjavik

Danach fuhren wir nach Reykjavik, denn die Hauptstadt ist immer ein paar Tage Aufenthalt wert. Laugavegur mit seinen Puffinshops und Cafés lädt zum Bummeln ein und der Hafen und die Harpa sollte man ebenfalls in einem ausgedehnten Spaziergang erkunden.

Wikinger

Mein persönliches Highlight in der Hauptstadt war aber ein Fotoshooting in den Mink Viking Studios, bei dem man wie ein Wikinger gekleidet und ausgestattet wird, bevor man den inneren Wikinger entfesseln soll. Dabei sind super coole Bilder herausgekommen. Wie die Wikinger auf Island gelandet sind, haben wir in einem Wachsfiguren-Museum am Hafen gelernt. Dass die Norweger gar nicht die ersten auf Island waren, sondern dass schon vorher irische Mönche dort ihre Sommer verbrachten – oder dass Island vielleicht schon 330 v.Chr. von dem Griechen Pytheas oder 300 n.Chr. britischen Seefahrern entdeckt wurde, war mindestens genauso spannend, wie die Besiedlungsgeschichte und der Freistaat selbst.

874 n.Chr. wurde die Insel besiedelt, 930 n.Chr. endete die Landnahmezeit und das Thing wurde als erstes demokratisches Parlament Europas gegründet, von dem Island bis 1262 demokratisch regiert wurde, ganz ohne König. Bis der norwegische König Harald seinen Machteinfluss ausweiten wollte und Island unter seine Herrschaft brachte. Bis 1944 blieb Island unter fremder Obhut. Aber zurück in die Gegenwart.

Nach Narnia?

Die Woche Familienurlaub neigte sich dem Ende entgegen und ich kehrte auf den Hof zurück. Ich sollte den Morgenbus von Reykjavik nach Akureyri nehmen. Wenn ich den denn finden würde. Durch einen Wandschrank nach Narnia zu klettern, wäre wesentlich einfacher gewesen. Das Mjodd, der Busbahnhof von Reykjavik liegt nämlich Meilen entfernt von dem, wo die Busse zum Flughafen abfahren und damit tief in der Stadt versteckt. Man muss schon in Reykjavik geboren sein, um den zu finden, aber wie durch ein Wunder schaffte ich es pünktlich zum Bus. Es gab ein paar Abschiedstränen, aber jetzt war ich ja schon länger da, als ich noch bleiben würde.

Street Art

Zurück im isländischen Alltag

Auf dem Hof hatte ich dann schon vor dem Mittagessen meine Arbeitsklamotten wieder an und der Alltag begann wie gehabt. Aber nicht mehr lange. Die letzten Tage des Aprils waren wie die letzte Ruhe vor dem Sturm. Es wurden schon einige Vorbereitungen für die Lämmerzeit getroffen.

Es war so viel Arbeit, dass ich meine 30.000 Schritte am Tag übertraf. Beispielsweise auch davon, dass wir die Jungkühe in den Trailer verluden und auf die Weide brachten. Eine helle Freude, den Viechern dabei zuzuschauen, das erste Mal im Leben auf echtem Gras unter freiem Himmel zu stehen und Platz zum Rennen zu haben. Jedenfalls sobald die stoischen Viecher erstmal im Trailer waren, was sich als Kraftakt herausstellte. Die Lieben durften endlich raus, weil das Wetter es erlaubte. Es war sogar so schön, dass ich mir vom Sonnenbaden einen Sonnenbrand auf den Wangen einfing, aber der war es mir für das schöne Wetter eindeutig wert.

Bis bald,
Eure Stina

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