Rezension: Maori und Gesellschaft

Rezension: Maori und Gesellschaft

In Ergänzung zu unserer letzten Themenwoche über Neuseeland (und als Vorgriff auf ein geplantes Projekt über die neuseeländischen Ureinwohner, die Maori) möchten wir heute ein Buch vorstellen, dass – allerdings auch mangels anderer deutschsprachiger Literatur – wohl als eine der besten hier verfügbaren Einführungen in diese Thematik zu sehen ist: Der Essay-Band Maori und Gesellschaft, der von Hartmut Jäcksch im Mana Verlag herausgegeben wurde.

Jäcksch hat mit dieser Textsammlung – in Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen und neuseeländischen Autoren, Publizisten und Wissenschaftlern – einiges an Material über das Leben und die Geschichte der Maori zusammengetragen. Den Auftakt machen hier zunächst einige ethnographische bzw. kulturwissenschaftliche Abhandlungen, die den Fragen nachgehen, wie die Maori überhaupt nach Neuseeland gekommen sind, wie sie in dieser Zeit gelebt haben und welche fundamentale Bedeutung viele überlieferten Traditionen immer noch für diese – inzwischen – gesellschaftliche Minderheit haben.

Von den Anfängen der europäischen Besiedlung an

Der Leser erfährt anhand vieler Fakten und historischen Belege, was es aus heutiger Sicht bedeutet, Maori zu sein und – dies scheint uns eine Kernaussage dieser Texte – dass es eine sehr lange, größtenteils allerdings nur mythologische Geschichte der Maori in Neuseeland gab, bevor die Briten in Person von James Cook 1769 auf Aotearoa landeten (Buddy Mikaere):

»Als die Briten ins Land kamen, ignorierten sie, dass die dort lebenden Maori eine Vergangenheit hatten, alleine schon deshalb, weil es keine Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne gab. Für die Einwanderer waren die Maori Wilde, die sich anzupassen oder aber auszusterben hatten.«
(Maori und Gesellschaft, S. 6)

Ein kurzer Überblick über die Geschichte der Maori

Erst vor diesem Hintergrund werden dann die Implikationen der folgenden Jahrhunderte deutlich. Hier fokussiert sich der Band auf zentrale Ereignisse der neuseeländischen Geschichte und thematisiert zum einen den Vertrag von Waitangi vom 06.02.1840 (Bryan Gilling & Vincent O’Malley) und zum anderen die Entwicklung des Strebens der Maori nach politischer und sozialer Autonomie (Richard Hill & Vincent O’Malley).

Vom Zusammenleben von Maori und Pakeha

Buchcover des Buches unserer RezensionDer thematische Fokus der Essay-Sammlung bleibt aber nicht nur bei den historischen Ereignissen und Entwicklungen stehen, sondern wirft ebenfalls einen ausführlichen Blick in die Gegenwart: Neben zwei Texten zur Bedeutung der Maori-Kultur in der zeitgenössischen (neuseeländischen) Literatur (Michaela Moura-Kocoglu) und Film (Sam Edwards) steht am Schluss ein eindringlicher Kommentar von Paul Meredith zu der Frage, wie es ist, als Nachkommen beider Kulturen im modernen Neuseeland zu leben und mit welchen Problemen diese Kinder aus Mischehen zwischen Maori und Pakeha (Half-Caste) nach wie vor konfrontiert sind. Es deutet einiges darauf hin, dass gerade dieser Text bewusst an den Schluss an der Sammlung gestellt wurde.

Denn die Frage der Identität wird auch in den kommenden Jahren Maori und Pakeha beschäftigen. Abgerundet wird diese Textsammlung durch drei fiktionale Texte von Heretaunga Pat Baker, Alan Duff und Patricia Grace, welche die angesprochenen Themen um eine jeweils andere Perspektive ergänzen.

Fehlender Fokus oder verschiedene Perspektiven

Ein häufiger Vorwurf gegen interdisziplinäre Ansätze lautet, dass mit ihnen eine gewisse Beliebigkeit bzw. ein mangelnder Fokus einhergehe. Inwieweit dies tatsächlich zutrifft, soll an anderer Stelle und für andere Projekte diskutiert werden. Für Harmut Jäschks Maori und Gesellschaft können wir diesen Kritikpunkt aber auf jeden Fall entkräften. Weshalb?

Zunächst erhebt das Buch keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte versuchen, verschiedene Aspekte der sehr komplexen Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Die vorliegenden Texte wechseln dabei zwischen Insiderbericht, historischer, kulturwissenschaftlicher und literarischer Sichtweise, schaffen es in der Summe aber immer, die Neugier des interessierten Lesers zu wecken.

Maorische Felszeichnungen in NeuseelandFestzuhalten bleibt weiterhin, dass – auch wenn hier ein neuseelandspezifisches Thema behandelt wird – die Frage der Auseinandersetzung mit Kolonisation und Zusammenleben verschiedener Kulturen ein grundsätzliches Problem der letzten Jahrhunderte darstellt, welches nicht nur Maori und Pakeha betrifft.

Ist das Ziel des Buches dem Inhalt gerechet geworden

Dementsprechend formuliert Jäcksch das Ziel dieses Essay-Bandes auch wie folgt:

»Wenn dieses Buch etwas erreichen soll, dann die Einsicht, dass es wichtig ist herauszufinden, was unterschiedliche Kulturen verbindet, wo Gemeinsamkeiten liegen und wie man Unterschiede positiv füreinander nutzen kann.«
(Maori und Gesellschaft, S. 7)

Und diesem Anspruch wird die Textsammlung problemlos gerecht. Vielleicht wird der ein oder andere nach der Lektüre bemängeln, dass die Essays ihre jeweiligen Themen nur skizzieren bzw. an vielen Stellen nicht in die Tiefe gehen. Dies ist aber zum einen der gewählten Textform (Essay!) geschuldet und zum anderen liefert der Band am Ende eine recht ausführliche Literaturliste, die genügend Material für einen tieferen Einstieg in die Materie bietet.

Fassen wir zusammen, dies ist sicherlich kein wissenschaftliches Standardwerk – dieser Anspruch wird auch gar nicht erhoben – mit Sicherheit aber die beste deutschsprachige Einführung in die Kultur und Geschichte der Maori.

Kurzinfo zum Buch

Hartmut Jäcksch (Hrsg.)
Maori und Gesellschaft. Essays und Texte.
mana Verlag, 2. überarbeitet Auflage 2007.
Weitere Infos es auf der Website des Verlags.

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