Malina in Asien #5: Die Buddhismus-Woche

Malina in Asien #5: Die Buddhismus-Woche

Rot, Blau, Grün, Violett, Orange… Ich befinde mich für einen Augenblick in einem Meer aus Farben, als mir zahlreiche bunte Bonbons entgegenfliegen. Es scheint kein Ende zu nehmen. Ich knie auf dem Boden, lächle verlegen und weiß mir kaum zu helfen. Vor mir, auf einem mit orangen Stoffen bezogenem Podest, sitzt im Schneidersitz ein wohlgenährter Mönch mit rundem Gesicht und Brille und lacht aus tiefster Seele, während er fortwährend Süßigkeiten aus einem Gefäß schaufelt und sie auf mich niederregnen lässt. Er sieht aus wie eine dieser runden Buddhastatuen und sein Lächeln geht von einem Ohr bis zum anderen. Als er schließlich befindet, ich habe genug bekommen, richtet er sein orangenes Wickelgewand zurecht und sieht mich eine Weile mit schiefgelegtem Kopf freudig an. „Faran“, meint er und winkt mich näher. Er will mich segnen. Mit einem kleinen Bambusstab tappt er mir ein paar Minuten lang auf dem Kopf herum und summt vor sich hin. Ich muss schmunzeln, welch außergewöhnliche Szenerie.

Für die Buddhismus-Woche führte mich mein Weg am Montag in den Osten Thailands nach Wang Nam Khieo. Ich finde es immer interessant, wie stark sich plötzlich Landschaft und Stimmung verändern, sobald man seinen Standort in Thailand etwas verlegt. Je länger ich hier bin, desto mehr kann ich auf die Frage „Was ist thai und wie ist Thailand?“ nur antworten: eine Vielzahl von Eindrücken.

Bevor ich in meine neue Unterkunft, ein Bungalow in einer ländlichen und ruhigen Gegend mit Ausblick auf die umliegenden Berge und Farmen, einzog, machten wir noch halt an einem Wasserfall. Während ich die Abkühlung genoss, erhielt ich von Nok, meiner Koordinatorin dieser Woche, die ersten Informationen über das Programm. Sie hatte Tourismus studiert und ihren ersten Job als Betreuerin bei diesem Programm gefunden.

Auch am Dienstag erkundeten wir die Gegend, besuchten Tempelanlagen und ich hörte im Laufe des Tages immer mehr über den buddhistischen Glauben in Form von Geschichten und Erzählungen. Die Gegend rund um Wang Nam Khieo versprüht einen fast italienischen Charme mit den vielen Zypressen und europäisch angehauchten Bauten. Es ist jedoch auch die Region der Farmen und bekannt für die Pilz- und Gemüseproduktion sowie für Gärtnereien. Mitte der Woche zog ich gemeinsam mit Nok ins Kloster. Ich war froh, sie dabei zu haben, denn die junge Frau war eine angenehme Gesprächspartnerin und konnte mich durchs Klosterleben leiten.

Freiwilligenarbeit in Asien: Ruhe tanken am See

Das Wesen des Buddhismus
Bald wurde mir bewusst, dass im Buddhismus das „Hier und Jetzt“ große Wichtigkeit besitzt. Es gilt als schlecht, die Gedanken abschweifen zu lassen und sich in Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren.
Drei Fragen aus einer buddhistischen Geschichte verdeutlichen dies: Was ist die wichtigste Zeit? Das Jetzt. Wer ist der wichtigste Mensch? Der, der dir gerade gegenübersteht. Was ist die wichtigste Tätigkeit? Sich kümmern.

Den meisten fällt wohl zum Thema Buddhismus auch Karma und Wiedergeburt ein. Man sollte also, einfach gesagt, nur gute Taten vollbringen, um im nächsten Leben Gutes zu erfahren, denn das Karma ist nicht an den Körper gebunden, es geht mit der „Seele“ ins nächste Leben weiter, bis man irgendwann dem Kreislauf durch die eigene Erleuchtung entkommt. Stehle nicht, Lüge nicht, habe keinerlei romantische Beziehungen oder Gedanken und töte nicht, sind einige Regeln, die für jeden Klosterbesucher und teilweise natürlich generell gelten. Letzteres untersagte mir sogar Mosquitos zu erledigen. Nehmt mein Blut, ich nehme den Schmerz gerne auf mich, ist die Devise. So lautet der Grundgedanke auch: Heiße auch Unangenehmes willkommen und es wird dich nicht mehr schmerzen, denn die Angst davor ist es, was wirklich weh tut.

Für echte Mönche ist die Menge solcher Richtlinien eine derartig hohe Anzahl, dass ich sie wahrscheinlich nicht einmal in einer Woche auswendig lernen könnte. Es ist eine eigene Philosophie des Denkens. „Glaubst du daran, dass es ein Morgen gibt?“ wurde ich einmal im Kloster gefragt. Ich nickte. Man kann nicht beweisen, dass „morgen“ existiert, aber man weiß es für sich und glaubt daran. So verhält es sich mit der Wiedergeburt auch, meint ein Mann im Kloster.

Die Klosteranlage hat weniger den Anschein eines Tempels, sondern ist mit vielen kleinen, einfachen Häuschen und einer im Zentrum liegenden Meditations- und Gebetshalle, sowie einer Ausspeisungshalle ausgestattet. Wer „Eat, Pray, Love“ mit Julia Roberts gesehen hat, kann es sich ungefähr vorstellen. Die Unterkünfte waren nett, aber einfach gestaltet und von viel Grün und Teichanlagen umgeben. In den etwas kahlen Zimmern – schließlich sollte der Geist so wenig wie möglich abgelenkt werden – lagen dünne Matten zum Schlafen, denn man sollte sich während des Aufenthaltes im Kloster nicht dem Luxus hingeben.

Sitze, atme, höre, fühle
Ich schlief erstaunlich gut, bis ich um drei Uhr morgens von melodischen Gong-Tönen geweckt wurde. Es war Zeit zur ersten Meditations- und Chantingsitzung. Ausgestattet mit meiner übersetzten Version der Verse und mit Nok an meiner Seite, machte ich mich zur Halle auf. Es fiel mir nicht schwer hellwach zu sein, sobald ich die Halle betrat. Zahlreiche Menschen hatten sich schon im Schneidersitz niedergelassen und meditierten, während Energie den Raum füllte. Ich muss zugeben, ich machte doch große Augen, als ich sie alle da sitzen sah: still, hoch konzentriert, vor ihnen eine Buddhastatue von der Größe eines Hauses. Nok flüsterte mir zu, ich solle es ihnen gleich tun.

Sitze, atme, höre, fühle. Es war unglaublich, wie ich plötzlich unzählige Geräusche wahrnahm, einzelne bewusst herausfiltern  und schließlich alle stummschalten konnte, wenn ich mich nur noch auf das eigene Ein- und Ausatmen konzentrierte. Ich könnte nicht behaupten, dass ich sonderlich geübt oder begabt gewesen wäre in der Kunst des Meditierens, aber schon allein die Erfahrung, für drei Stunden still zu bleiben und nicht über das Leben, Arbeit  und Beziehungen nachzugrübeln, war ein erleuchtendes Erlebnis für mich. Nach und nach nahmen immer mehr Mönche unter der Buddhastatue Platz, bis schließlich einer von ihnen das Chanten anstimmte. Wir alle begannen mitzusingen und schon bald verschmolzen die Stimmen miteinander. Die hohen Mauern des Gebäudes ließen unseren Gesang widerhallen und so konnte man das Summen und Singen der Masse nicht nur hören, sondern auch vom Kopf bis zu den Zehen fühlen. Etwas verwirrt blickte ich mich um, als plötzlich Ruhe einkehrte und der Zauber des Chantens verflog. Mit einem „Satu“, ähnlich unserem Wort „Amen“, beendete er die Sitzung.

Mönchsfütterung
Nun war es für Jeden Zeit, bei der Reinigung der Anlage zu helfen. So wird sie in Stand gehalten und die Beteiligten verdienen sich auch noch gleich gutes Karma. Als wir unseren Dienst beendet hatten und die Morgendämmerung den Tag ankündigte, folgten wir einer Gruppe Frauen aus dem Kloster in das nahegelegene Dorf. Wie für einen Festumzug waren dort schon Sessel an den Straßenseiten aufgestellt und Essen und Blumen wurden verkauft. Mönchsfütterung nennt sich dieser Brauch. Mönchen ist es nicht erlaubt, sich selbst etwas zu kaufen oder privaten Besitz zu haben. So gehen sie jeden Morgen mit Schalen in den Händen ins Dorf und empfangen Gaben von den Gläubigen.

Auch Nok und ich suchten uns Lotusblüten und Essen aus, das wir den Mönchen geben wollten. Die Blüten für Buddha, da dieser laut einer Legende auf einer Lotusblüte geboren wurde und das Essen für das Kloster. Für mich hatte das Austeilen des Essens einen seltsamen Beigeschmack, denn Frauen ist es nicht erlaubt, Mönche zu berühren oder ihnen überhaupt zu nahe zu kommen. Ich konnte regelrecht spüren, wie manche meinem Blick auswichen und ich musste darauf achten, dass weder ich noch der Löffel, den ich in der Hand hielt, ihre Sammelschale direkt berührten. Ich sah sehr wohl ein, dass sie sich nicht von irdischen Gelüsten ablenken lassen sollen, aber diese Art von Abstand war mir doch etwas fremd.

Nach diesem Erlebnis war es nun endlich Zeit für ein erstes Frühstück: Suppe, frisch gebackene süße Teigwaren und Kaffee standen zur Stärkung bereit. Danach versammelten wir uns noch einmal zu einer Art Morgengebet und einer Predigt des Mönchs über die Ablenkung vom Weg zur Erleuchtung durch den Gebrauch von iPhones – Auch in diesem abgelegenen Kloster hatten moderne Trends schon Einzug gefunden. Nun war es Zeit für das zweite Frühstück und zugleich auch die letzte Mahlzeit des Tages. Mönche und Klosterbewohner essen nur in der Zeit zwischen Sonnenaufgang und Mittag. Die Tafel war reich gedeckt mit verschiedensten Gerichten und Leckereien, welche zuvor den Mönchen gespendet worden waren. Von diesem Buffet träume ich immer noch!

Unter Tags durfte man sich seine Zeit selbst einteilen. Ich kam ins Gespräch mit einer Engländerin, die schon sieben Monate hier verbracht hatte und mir so einiges an für mich bisher unverständlichen buddhistischen Bräuchen und Haltungen erklären konnte. Auch den Obermönch durfte ich einmal besuchen, der mich segnete und mir so allerhand Süßes entgegenwarf. Warum Süßigkeiten? Ganz einfach, weil er einem eine Freude machen will und es lustig findet. Um fünf Uhr gab es eine weitere dreistündige Chantingsitzung, nach welcher ich todmüde zu meinem Häuschen zurückkehrte und zufrieden ins Bett fiel.


Ich werde auf jeden Fall versuchen, mir viel von dieser Woche mitzunehmen. Denn schafft man es, die Gedanken des Buddhismus für sich umzusetzen, lernt man das Leben nochmal ganz anders wertzuschätzen. Ein guter Abschluss für mein Thailand Abenteuer. Und so nehme ich mir die Worte der Mönche gleich zu Herzen, nehme den Abschiedsschmerz an, wie er ist und genieße den Moment.

Bevor ich abfliege, treffe ich mich noch in Bangkok mit Freunden aus dem Camp. Inzwischen habe ich mich verliebt in den Lärm, den Geruch, in das Wesen der Stadt und freue mich über die letzten Stunden, die ich noch dort verbringen kann, bevor es auf geht zum Flughafen, um mich letztendlich von Thailand zu verabschieden.

Somit  ‚laew phob gan mai‘ – bis bald.

>> Weiter zu Malinas sechstem Artikel <<

Share this Story

Verwandte Artikel

Hinterlasse einen Kommentar (mind. 10 Zeichen)

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

About Malina

Malina

Als ehemalige Stepin-Teilnehmerin hat Malina den einen oder anderen Asien-Tipp beigesteuert und uns in neun wunderbaren Berichten an ihren Erlebnissen als Volunteer teilhaben lassen: eindrucksvolle Kultur, ehrwürdige Traditionen, pures Leben und so manche Extreme. Wann immer es Malina wieder in die Ferne zieht, wird sie auch weiterhin als Gastautorin auf der Weltneugier darüber berichten.

Unsere Gratis-Kataloge

Zu unseren Programmen

Stepin auf Facebook

Stepin auf Instagram