Hannah hat es dank des DFH-Stipendiums von Stepin für ein halbes Jahr zum Schüleraustausch nach Kanada, Nova Scotia, an die kanadische Ostküste gezogen. In der Region Lunenburg Country hat sie ihre zweite Familie gefunden, Freundschaften in die ganze Welt geknüpft und die wohl aufregendste Zeit ihres bisherigen Lebens verbracht.

Mein DFH-Stipendium von Stepin

Schon lange träumte ich davon, einmal eine Schule im Ausland zu besuchen und als ich auf den Deutschen Fachverband High School e.V. (DFH) aufmerksam wurde, beschloss ich mich dort um ein Stipendium zu bewerben um der Verwirklichung meines Traumes ein Stückchen näher zu kommen.

Start where you are, use what you have, do what you can

Die Anmeldung erfolgte online auf der Website des DFH und nach etwas Wartezeit wurde mir mitgeteilt, dass ich in die engere Auswahl gekommen war und die Möglichkeit hatte, mich um das Stepin Vollstipendium für soziales Engagement, das auf das zweites Semester des Schuljahres 2017/2018 in Nova Scotia ausgerichtet war, zu bewerben.

Nach einem aufregenden Prozess, bestehend aus u.a. dem Anfertigen eines Motivationsschreibens und -filmes bis hin zum persönlichen Bewerbungsgespräch mit sowohl Deutschem als auch Englischem Teil, bekam ich Anfang 2017 dann endlich die erhoffte Nachricht von Stepin – ich hatte es geschafft und war ausgewählt worden, ein Semester in Nova Scotia zu leben!

Kanada calling: es geht los

Nach einigen Vorbereitungen, dem Beantragen eines Reisepasses, einer Kreditkarte, eines eTAs (eine Art kanadische Einreiseerlaubnis), dem Besuch des Stepin Vorbereitungsseminars und einer Abschiedsparty mit meiner Familie und meinen Freunden war es Ende Januar 2018 dann so weit und ich flog mit ca. 15 anderen »Steppies« von Frankfurt über Montréal nach Halifax.

Ankunft in der neuen Heimat: Blick von oben auf Montréal
Ankunft in der neuen Heimat: Blick von oben auf Montréal

Die Informationen zu meiner Gastfamilie hatte ich bereits im November erhalten, aber aufgrund einiger Kommunikationsprobleme hatten wir nur einmal vorher miteinander über Skype reden können, was meine Neugier und Nervosität natürlich ungemein steigerte.

If you are brave enough to say goodbye life will reward you with a new hello

Leider waren die Wetterbedingungen wegen eines Schneesturmes in Nova Scotia zu schlecht, um dort zu landen, weshalb wir erst einmal am Flughafen festsaßen, wo es einige Stunden dauerte bis klar war, dass wir an diesem Tag nicht weiterfliegen konnten und die Nacht im Hotel verbringen mussten. Am nächsten Morgen war es dann aber endlich so weit, ich wurde auf den nächsten Flug nach Halifax gebucht und die Aufregung, jetzt endlich die Menschen und das Umfeld kennenzulernen, mit denen und wo ich das nächste halbe Jahr verbringen würde, war kaum noch auszuhalten.

Endlich bei meiner Gastfamilie

Nach dem 2-stündigen Flug wurde ich am Flughafen in Halifax von meinen Gasteltern und meinem Homestay Coordiator mit einem selbst gestalteten Plakat herzlich empfangen und nach einem kurzen Zwischenstopp bei Tim Hortons, der beliebtesten Fastfood-Kette Kanadas, machten wir uns auf den Weg ins Lunenburg Country, das sich in den folgenden Monaten zu meinem zweitem Zuhause am anderen Ende der Welt entwickelte.

Meine neue Familie

Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern, meiner chinesischen Gastschwester, die einige Tage nach mir ankam und, wie ich, bis Ende Juni blieb, zwei Hunden und später meiner türkischen Gastschwester, die während eines Short Term Programms einen Monat lang bei uns lebte. Ich verstand mich mit allen auf Anhieb sehr gut, was unter anderem daran lag, dass meine Gasteltern von der ersten Sekunde an sehr verständnisvoll und vor allem hilfsbereit waren und wirklich versuchten uns alles zu ermöglichen, was wir uns von unserem Austausch erwarteten.

Mein neues zu Hause

Wir hatten jeder unser eigenes Zimmer und unser Garten war, typisch kanadisch, von einem riesigen Waldstück umgeben, durch das ein kleiner Bach floss und in dem sich hin und wieder Rehe sehen ließen. Glücklicherweise war unser Haus so gelegen, dass man innerhalb von 20 Minuten zu Fuß einen Walmart und einen kleinen Park, in dem wir uns oft nach der Schule manchmal mit Freunden trafen, erreichen konnten und 10 Minuten im Auto reichten aus um nach Bridgewater zu gelangen, wo es eine kleine Mall, einige Cafés und Restaurants und ein Kino gab, wo wir häufig unsere Wochenenden verbrachten.

Da ich Vegetarier bin, hatte ich anfangs Bedenken ob sich meine Gastfamilie verständnisvoll zeigen würde, aber es stellte sich schnell heraus, dass meine Gastmutter überhaupt kein Problem damit hatte und gerne extra für mich kochte, wenn es ein Gericht gab, das Fleisch enthielt, da sowohl meine Gasteltern als auch meine Gastschwestern Fleischesser waren.

Unsere Wochenenden

Am Wochenende unternahmen wir oft etwas gemeinsam und fuhren auf Ausflüge nach Halifax zum Shoppen, an den Strand oder in den Wald zum Wandern und Klettern oder mit dem Trailer meiner Gasteltern, eine Art riesiger Wohnwagen, zum RV-Camping. An dieser Stelle würde ich gerne nochmal betonen wie dankbar ich meiner Gastfamile bin, die so viel dazu beigetragen hat meine Zeit in Nova Scotia unvergesslich zu machen und ohne die ich wahrscheinlich nicht halb so viele tolle Orte gesehen hätte!

Meine Gastschwestern, ihre Freundin und ich während einer Strandwanderung
Meine Gastschwestern, ihre Freundin und ich während einer Strandwanderung

Meine Schule in Nova Scotia

Der erste Schultag

Carpe diem – Das war das Motto der New Germany Rural High School, meiner Schule und dem wichtigsten Ort meines Austausches, wo ich so viele kanadische und internationale Freunde gefunden habe und unbeschreiblich viel Spaß hatte – sogar im Unterricht :-). Obwohl die Schule mit ca. 350 Schülern von Stufe 7 bis 12 ungefähr vier mal kleiner war, als ich es von meiner deutschen Schule gewöhnt bin, war es aufregend, in die Community aufgenommen zu werden, gerade weil jeder jeden zu kennen schien und eine fast familiäre Atmosphäre herrschte.

An unserem ersten Schultag war ich natürlich besonders nervös und die Frage, wie alles dort sein würde und für welche Fächer ich eingeteilt worden war beschäftigte mich die ganze Fahrt im gelben Schulbus über. Aber sobald wir angekommen waren, löste sich alle Anspannung in Luft auf, da wir auf freundliche, kanadische Art zusammen mit anderen neuen Austauschschülern von der Schulleitung empfangen wurden und direkt unsere Stundenpläne bekamen.

Das kanadische Schulsystem

In einigen Punkten unterscheidet sich das kanadische Schulsystem stark vom deutschen. Der Unterricht an der »NGRHS« begann um 8.48 Uhr (um sicher zu gehen, dass jeder sich auch wirklich um spätestens 8.50 Uhr im Unterricht befindet) und endete um 15.00 Uhr, unterbrochen von einem 45-minütigen Mittagspause und mehren »Locker breaks«, fünf bis zehn Minuten, in denen man Zeit hatte, die für das nächste Fach nötigen Unterlagen aus seinem Spind zu holen. Außerdem belegt jeder nur vier Fächer pro Semester, die man jeden Tag, aber in unterschiedlicher Reihenfolge hatte. Ich entschied mich für Canadian History, Global History, Academic English und Visual Arts, es wurden aber auch »ungewöhnlichere« Kurse, wie Yoga, Cooking, Law, Mi´kmaq (Ureinwohner Nova Scotias) oder Film angeboten.

Anders als in Deutschland ist außerdem, dass sich die Note zu 100 % aus den schriftlichen Leistungen, also Hausaufgaben, Projekte, Test- und Examensergebnissen, zusammensetzt und mündliche Mitarbeit nicht wirklich miteinbezogen wird, da während des Unterrichts meistens nur der Lehrer redet. Dafür wirkten viele Lehrer aber in gewisser Weise viel entspannter und an den Erfolgen einzelner Schüler interessierter, als es in Deutschland oft der Fall ist, was den Schulalltag ungemein erleichtert hat.

It’s all about sports

Neben dem Unterricht fanden monatlich zusätzlich School Dances zu einem bestimmten Motto statt und man konnte sich in diversen Clubs engagieren – Jahrbuchkomitee, Social Justice, Leichtathletik, Softball, Badminton, Band und viele weitere. Ich entschied mich für Senior Girls Softball, eine baseballähnliche Sportart, die ich vorher noch nie ausprobiert hatte, was das Team und den Coach aber nicht davon abgehalten hat mich aufzunehmen. Ich wurde zum Mitglied und Teammanager und war auf Turnieren u.a. für das Scoring, also das Zählen der erreichten Basen und Home Runs bzw. der erreichten Punkte zuständig.

It's all about Softball
It’s all about Softball

Unterwegs mit der Partnerorganisation

Neben den Aktivitäten mit meiner Gastfamilie und den Unternehmungen mit meinen Freunden waren besonders die Events von NSISP (Nova Scotia International School Programm), der Partneraustauschorganisation von Stepin vor Ort, Highlights für alle Internationals.

It´s a good day to have a good day – NSISP

Da es in jedem Schuldistrikt verschiedene Pläne gibt, kann ich nicht versprechen, dass man automatisch alles machen wird, was ich erlebt habe, aber wir, im South Shore Regional School Board, sind mit ingesamt ca. 120 Austauschschülern aus verschiedensten Ländern im Durchschnitt ca. einmal im Monat an einen für Kanada oder Nova Scotia typischen Ort gefahren, was die perfekte Möglichkeit war auch Freundschaften mit Austauschschülern anderer Schulen zu schließen, die man sonst wahrscheinlich nicht getroffen hätte.

»Internationals«-Ausflug zum Wahrzeichen von Nova Scotia »Peggy's Cove«
»Internationals«-Ausflug zum Wahrzeichen von Nova Scotia »Peggy’s Cove«

Dem Besuch der Schlittschuhbahn und des Einkaufszentrums von Halifax im Februar folgten Ski fahren im März (mein persönlicher schönstes Erlebnis, da ich vorher noch nie Ski gefahren war) und die Besichtigung einer Ahornsirupfarm, ein Ausflug zu Peggy´s Cove (das Wahrzeichen Nova Scotias) im Mai und einem Abschieds-Barbecue im Juni.

How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard

Final countdown: die letzten Wochen

Prom – der krönende Abschluss

Dementsprechend waren die letzten verbleibenden Wochen bis zur Rückreise nach Deutschland nicht gerade von Vorfreude erfüllt. Nach etlichen gemeinsamen Schulstunden, Hockeyspielbesuchen und Ausflügen, konnte ich mir ein Leben ohne diese einst fremden Menschen, die zu wahren Freunden, Eltern und Schwestern geworden waren gar nicht mehr vorstellen. Trotz der traurigen Stimmung und dem Druck, die restliche Zeit so gut es geht nutzen zu müssen konnte sich etwas Vorfreude auf den Prom und die Abschlusszeremonie der Zwölftklässler durchsetzen.

Tatsächlich bereiteten meine beste Freundin und ich uns nachmittags schon auf den Prom vor, bevor abends dann hunderte von Fotos vor der Schule geschossen wurden – genau wie man es aus nordamerikanischen High School Filmen gewohnt ist. Die Dekoration der Turnhalle war perfekt durchgeplant und es wurde ein unvergesslicher Abend voller Momente mit Potenzial zu lebenslangen Erinnerungen.

Und gleichzeitig war es der Abend, an dem ich mich von den ersten meiner Freunde verabschieden musste und ich realisierte, dass ich mich in drei Tagen schon wieder mehr als 5.000 Kilometer weiter östlich und auf der anderen Seite des Atlantik befinden würde.

On the top: Ausflug zum höchsten Punkt in South Shore – Castle Rock
On the top: Ausflug zum höchsten Punkt in South Shore – Castle Rock

Diesen Satz habe ich während meiner Zeit in Kanada sicherlich am öftesten gesagt. Und es stimmt, nichts was bisher in meinem Leben passiert ist, lässt sich mit dem vergleichen, was ich in den fünf Monaten in Nova Scotia erleben durfte.

Fazit

Ich habe so viel Neues dazu gelernt und die Möglichkeit bekommen, die Welt einmal aus einer ganz anderen Perspektive wahrzunehmen. Ich habe mich persönlich unglaublich weiterentwickelt und bin vor allem offener für neue Dinge und selbstbewusster geworden und ich habe so viele wahre Freunde von rund um den Globus dazugewonnen.

I guess I just had the best time of my life

Erst seit ich wieder zurück in Deutschland bin, ist mir wirklich klar geworden, was für eine unbeschreiblich schöne Zeit ich hatte und wie glücklich ich mich schätzen kann, so eine Erfahrung gemacht zu haben und ich plane schon innerhalb der nächsten Jahre zurückzufliegen um meine Gastfamilie wiederzusehen. Ich bin vor allem Stepin unglaublich dankbar, mir diese Chance ermöglicht zu haben und ich kann jedem nur empfehlen die Gelegenheit zu nutzen und selbst zu erleben wie aufregend das Leben in einer völlig anderen Kultur sein kann!

Eure Hannah


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