Jenny in Indien #5: Zu viel Mut ist auch nicht gut

Jenny in Indien #5: Zu viel Mut ist auch nicht gut

Unsere ehemalige Teilnehmerin und jetzige Mitarbeiterin Jenny ist weltneugierig gewesen und hat sich zusammen mit ihrem Freund auf ein dreiwöchiges Indien-Abenteuer eingelassen. Zunächst ging es von Neu-Delhi über Agra und Jaipur in die Gegend um Rajasthan. Nach einem kurzen Stopp in Pushkar zog es sie über Mumbai zum Ende ihrer Reise nach Goa.

Wer denkt, dass ein Kulturschock und eine Kuhattacke genug Abenteuer für einen Urlaub sind, der hat nicht mit mir gerechnet. Wäre doch gelacht, wenn ich auf einer Kulturreise nicht auch jede staatliche Einrichtung genauestens kennenlerne beziehungsweise hautnah erlebe. Aber ich nehme schon wieder zu viel vorweg. Alles begann in Goa, dem Ort mit den schönsten Stränden der Welt – und den verdorbensten Sitten Indiens.

Goa scheint die Partystadt Indiens zu sein

Als wir in Goa ankommen, ist noch Monsunzeit, deswegen ist das Meer noch sehr aufgewühlt und die Strände noch etwas vernachlässigt. Was einem jedoch sofort auffällt, sind die leicht bekleideten Menschen. Es scheint, als wäre hier der freizügige Westen schon angekommen. Doch so ganz wohl fühle ich mich nicht, als ich mich zum ersten Mal den Temperaturen entsprechend kleide und in kurzen Hosen am Strand entlang spaziere.

Jenny am Strand von GoaDenn die Einheimischen kleiden sich auch hier traditionell und scheinen nicht gerade begeistert von uns »halbnackten« Touristen. Indische Touristen sind dagegen ein anderes Problem. Die meisten sind junge Männer, die sich anscheinend von Goa eine Art Oase der Sünde versprechen, an dem sie all ihre Prinzipien über Bord werfen und sich wie absolute Wüstlinge benehmen können.

Unser Sightseeing-Ausflug in den Süden Goas wird dann auch eher eine Partytour. Zwar haben wir immer kurz Zeit, an den Stopps uralte portugiesische Architektur zu bewundern – die Portugiesen waren nämlich vor den Engländern hier – es geht jedoch alles sehr schnell, damit wir rechtzeitig die Bootstour erreichen. Wer hier so wie wir mit einer besinnlichen Flussfahrt durch idyllische Natur rechnet, der hat sich geirrt.

Die Bootstour entpuppt sich nämlich als reine Tanz- und Trinkveranstaltung und wir sind froh als wir endlich die angedudelten Junggesellen mit ihren penetranten iPhones hinter uns lassen können. Auch wir wollen uns jedoch nicht ganz der sorglosen Stimmung hier widersetzen und stürzen uns auch ein paar Mal ins Nachtleben, das durchaus nicht zu verachten ist. Am dritten Tag beschließen wir zudem, die Insel mit einem Roller zu erkunden.

Roller fahren ist doch einfach…

Nur, um ein paar Dinge klarzustellen. Erstens: Auf jedem zweiten Roller hier sitzt ein Tourist. Zweitens: Viele haben in Indien ihre ersten Fahrversuche gemacht (wir haben nachgefragt) und mir versichert, es sei überhaupt nicht schwer. Und drittens: Auf meinem deutschen Autoführerschein steht unmissverständlich, dass ich befugt bin, auch mit einem Roller zu fahren.

Weil Deutschland nicht gerade für seine Lässigkeit bezüglich Verkehrsregeln bekannt ist, vertraue ich darauf, dass man fürs Rollerfahren dann wohl keine besonderen Fähigkeiten benötigt. In meiner vorbildlichen Vernunft – ja, die gibt es – beschließe ich, trotzdem erst einmal zu testen, ob ich fahren kann.

Jenny beim Cocktailtrinken in GoaEs stellt sich heraus: Ich kann es nicht. Als ich auf einem kleinen Parkplatz neben dem Roller-Verleih eine kleine Runde drehen möchte, klappt erst alles ganz gut. Nur das Tempo liegt noch etwas außerhalb meiner Kontrolle. Deswegen komme ich beim Wenden auch nicht ganz herum und fahre nach links weiter.

All das wäre nur halb so schlimm, würde sich nicht auf einmal ein circa zwei Meter tiefer Graben vor mir auftun. Augenzeugen berichten, ich hätte mich in einem geistesgegenwärtigen Sprung davor bewahrt, vom Roller begraben zu werden, aber alles, was ich noch weiß, ist, dass ich in einem Graben sitze und denke, dass dies wohl der peinlichste Moment meines Lebens ist. Aber das ist noch nicht alles.

Als man mich aus dem Graben fischt und ich dem völlig verzweifelten Rollerbesitzer versichere, für sämtlichen Schaden aufzukommen, deutet ein englischer Tourist aus der Menschentraube um mich herum auf mich und sagt nur: »Your chin…« Die äußerst beunruhigende Menge an Blut, die kurz darauf meine Hand bedeckt, haut mich noch nicht um. Erst als ich der versammelten Menge mein Kinn entgegen strecke, um das Ausmaß der Verletzung zu erfragen, werden meine Knie weich. Die einzige Antwort, die ich erhalte, sind nämlich schockierte Gesichter und schweres Schlucken.

Alles halb so schlimm – wirklich alles

Jenny und ihr Freund am Strand von GoaIm Endeffekt lande ich also im Krankenhaus und liege zusammen mit einem bewusstlosen Mädchen und einer weinenden Frau in einem winzigen Behandlungsraum, während meine Begleitung, eine britische Touristin, die Tür bewacht und mich so vor meinen Fans im Krankenhausflur schützt. Mein Freund verhandelt unterdessen mit dem Rollerverleiher über die Schadenshöhe.

In meinem Kopf spielen sich Horrorszenarien ab. Doch nichts passiert. Ich bekomme eine örtliche Betäubung und werde mit wenigen Stichen zusammengeflickt, dann darf ich wieder gehen, ohne irgendetwas bezahlen zu müssen.

Mein kleiner Unfall hat mir eigentlich vor allem gezeigt wie hilfsbereit Inder sind. Ich wurde von Polizisten ins Krankenhaus und wieder zum Hotel gefahren, ohne dass die angeblich so korrupten Beamten irgendwelche Hintergedanken hatten. Ich bekam eine kostenlose medizinische Behandlung, obwohl die Ärzte mir jede Summe hätten abnehmen können, weil ich absolut keine Ahnung hatte. Und in den darauffolgenden Tagen fragte mich jeder, was denn passiert sei und klopfte mir mitfühlend auf die Schulter, wenn ich es erzählte.

Fazit einer langen Reise

Trotz oder gerade wegen meines Unfalls blicke ich auf meinen Indienurlaub also gerne zurück. Ich konnte selten auf einer Reise in so kurzer Zeit so viel mitnehmen. Ein zweiter Besuch ist quasi schon in Planung. Wer gehofft hat, passend zum Bericht Fotos von klaffenden Wunden, kaputten Rollern oder sonstiger Unfallaction zu sehen, der wird enttäuscht. Wer es darauf anlegt, wird auf dem ein oder anderen Foto ein Pflaster sehen können, das mich aber nicht daran hindert, auf meine Reise anzustoßen.

Auf bald, liebes Indien!

Jenny mit Cocktail und zugepflastert auf einer Sonnenliege

Jennys vorheriger Artikel Deine Möglichkeiten in Indien

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