Cindy in Australien #3: Fortitude Valley – der Morgen danach im Tageslicht

Cindy in Australien #3: Fortitude Valley – der Morgen danach im Tageslicht

Diese Weltneugierwoche steht ganz im Zeichen einer neuen Artikelserie und unserer neuen Autorin Cindy Ruch. Die 24-Jährige ist eine der beiden Herausgeberinnen des Literaturmagazins [Lautschrift] und lebt derzeit im australischen Brisbane. Hier Teil drei der Artikelserie.

Wenn die Welt wieder nüchtern wird, der Kopf von letzter Nacht noch ein bisschen brummt und die Nacht von der Sonne abgelöst wurde, präsentieren nächtliche Partyviertel voller Stolz ihre Schmuckstücke im vorteilhaften Tageslicht. So wie Fortitude Valley in Brisbane.

Chinatown in Fortitude ValleyEs gibt nicht nur Schwarz und Weiß, es gibt nicht nur Tag und Nacht. Doch wenn ich Sonntagmorgen durch das Brisbaner Partyviertel Fortitude Valley laufe, glaube ich beinahe daran. Letzte Nacht waren die Pubs überfüllt, ein Geruch von Bier und Unentzifferbarem lag in der Luft, die Röcke der Mädchen rutschten zu hoch und die Jungs erinnerten mich an Tiere in Rudeln, die herumstanden, starrten und um Aufmerksamkeit kämpften.

Doch mit dem Sonnenaufgang wurden die Wein- und Pizzareste auf dem Boden und der Geruch in der Luft weggefegt. Sonntagmorgen. Ein neuer Tag. Und plötzlich wirkte Fortitude Valley doch ganz, ganz anders. Markstände mit schönen Kleidern, Schmuck, Sonnenbrillen und allerlei Krimskrams stellen sich über die Schandflecke letzter Nacht.

Markttreiben im Fortitude Valley

»Heute früh um fünf hab ich noch die letzten Nachschwärmer angetroffen«, sagt der Sonnenbrillenverkäufer. Früher hat er einmal Waffen gekauft, bis es zu heikel wurde. Heute verschreibt er sich dem Sommergeschäft. Auch die anderen Marktverkäufer sind gut gelaunt und genießen den Sonntag ohne Hektik. Irgendwo hängt ja doch noch der Kater in der Luft.
Geschäfte in Chinatown in Fortitude ValleyNur eine Parallelstraße davon entfernt ist Chinatown. Es wirkt erstaunlich sauber, die Drachen stehen am Rand, glänzen wie erst gestern poliert. Und dann geht es plötzlich links herunter in eine Einfahrt herein, kurz bevor wir wieder auf der vielbefahrenen Wickham Street landen.

Es riecht nach Fisch, es riecht nach Gemüse. Und es riecht echt, nicht sauber, nicht ordentlich, sondern praktisch und nach Handanlegen und frisch gefangenem Fisch. Der begrüßt mich auch sofort aus Plastikeimern, mit großen, toten Augen, doch Fische sind nicht mein Lieblingsgericht. Ich verschwinde lieber zwischen den Regalen voller indischer Gewürze und verschiedener Tees.

Mit einer kleinen Teekanne aus China und Reisbällen mit Sesamfüllung verlassen wir den Laden und das aufregende China in der Fortitude Valley wieder. Wir steuern direkt auf einen Pub zu, Elephant & Wheelbarrow. Dunkel und herabgelassen sieht er aus, wäre ich alleine, würde ich mich nicht hineinwagen. Ein Mann sitzt mit einem tieftraurigen Gesicht in der Ecke und trinkt sein Bier zur Mittagszeit. Das wären anderthalb Fotos, wie man hier sagen würde. A photo and a half. Aber traurige Menschen verkriechen sich in lichtschwache Ecken und wollen wirklich nicht gestört werden.

Von einem kleinen Laden in den nächsten…

Wir laufen an der Bar vorbei, und kommen aus der Dunkelheit wieder ins Tageslicht. Noch eine Bar! Stühle, Tische und gemütliche Sofas! Und so viel Platz in der Sonne! Nur ein paar Leute ohne Kater befinden sich im Hinterhof des überraschend großflächigen Pubs, der hier viel heller und schöner wirkt. Später wird zum gemütlichen Sonntagsgefühl noch eine Liveband spielen. Bis dahin genieße ich meinen Mangosaft, der Australier natürlich sein Bier.

Fortitude Valley MarketDie Fortitude Valley wacht langsam auf, die Ladentüren werden weit aufgestoßen, Schilder hinausgestellt. Ein Pfeil zeigt zur Tür, darüber steht: »A nice shop«. Viele nette Läden reihen sich gegenüber vom Press Club, der Club von wahrscheinlicher letzter Nacht, aneinander und präsentieren schöne, einzigartige Klamotten.

Die meisten Läden führen keine großen Labels, sondern kleine besondere, die mich zum Suchen und Finden verführen. Ein Hut für ihn, er passt wie angegossen. Im nächsten Laden hat jeder Künstler einen quadratischen Glaskasten für sich und seine Künste gemietet, 21 Dollar pro Woche. Die Verkäuferin selbst ist sehr enthusiastisch über so viel Kreativität, am liebsten würde sie alle Postkarten selbst schreiben und mit Ohrringen im Briefumschlag versenden.

Ich nehme ein paar Flyer für meine Designschnipselsammlung mit. Es wird langsam später, der Nachmittag gleicht einer Siesta in Spanien. Cafés und Restaurants schließen, es wird wieder still. Wir schlendern durch die Straßen, biegen in Seitenstraßen ein, sehen die unbearbeiteten, rau-schönen Rückseiten der Clubs. Eine Treppe führt an der türkisfarbenen Außenwand nach oben, nur um wieder in eine andere Tür hineinzugehen.

… und einiges an Kreativität

Aneinandergekettet hängen etliche orangefarbene Bierkästen an einem Treppengeländer, und als ich einen Schritt zurücktrete, entziffere ich einzelne Buchstaben, letztendlich den Namen der Bar: »Ricks«, raffiniert geschrieben in Bierkästen. Noch mehr Treppen scheinen in den Hintergassen nach oben zu führen und wir entscheiden uns, selbst eine Dachterrasse zu finden. Für ein Picknick weit oben, mit Blick über das herrliche Fortitude Valley mit all seinen Winkeln und versteckten Schmuckstücken, bis der Sonntag wieder im Sonnenuntergang versinken wird.

Cindys vorheriger Artikel Deine Möglichkeiten in Australien

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Ein Kommentar

  1. […] Fortitude Valley: Der Morgen danach im Tageslicht Wenn die Welt wieder nüchtern wird, der Kopf von letzter Nacht noch ein bisschen brummt und die Nacht von der Sonne abgelöst wurde, präsentieren nächtliche Partyviertel voller Stolz ihre Schmuckstücke im  vorteilhaften Tageslicht. So wie Fortitude Valley in Brisbane. (Der komplette Artikel bei Weltneugier…) […]

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