Farmarbeit in Island: Justins Zeit auf der Vulkaninsel

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Justin hat 2015/16 acht Monate auf Island verbracht und ist dort um viele, wunderschöne Erlebnisse mit Mensch und Tier reicher geworden. Seine Reise startete in der nördlichsten Hauptstadt der Welt mit einem »mitternächtlichen Problem«. Was es damit auf sich hat und, was seinen Farmaufenthalt so besonders gemacht hat, verrät uns der 23-Jährige in seinem Erfahrungsbericht.

Es war schon immer ein Lebenstraum von mir, auf einer Farm zu leben und ich habe die Monate in Island sehr genossen.

Wie alles begann…

Hallgrímskirkja ReykjavikDie erste Nacht in Island sollte ich in einem von der isländischen Partnerorganisation gebuchten »Guesthouse« verbringen, bevor es am nächsten Tag weiter zu meiner Farm gehen sollte. Ich habe allerdings den Zettel mit dem Namen und der Adresse der Unterkunft einfach nicht mehr in meinen Unterlagen finden können. Da ich kein Geld für ein teures Hotel ausgeben wollte, ließ ich mich von einem Bus vom Flughafen Keflavik nach Reykjavik bringen.

Dort suchte ich mir in der Nähe vom Hafen eine passende Stelle zum Campen. Bei längeren Reisen habe ich für Fälle wie diesen immer ein Zelt dabei. Die Nacht war schon weit voran geschritten, ich war müde vom Flug und musste am nächsten Morgen früh auf den Beinen sein. Glücklicherweise leistete mir lediglich eine Statue Gesellschaft und ich konnte die kühle Nacht ohne Beschwerden im Zelt verbringen. Dass ich in dieser Situation besser die Notfallnummer der Partnerorganisation kontaktiert hätte, fiel mir natürlich erst viel zu spät ein. ;-)

Mein erster Tag in Island

Eine nette Isländerin sprach am nächsten Morgen per Handy mit meiner Kontaktperson bei der Partnerorganisation, die mich schließlich vom Stadtkino in Reykjavik abholte. Meine Entschuldigung für die Schwierigkeiten akzeptierte Svanborg erst nach einer Belehrung über mein Fehlverhalten in der vergangenen Nacht. Sie klärte mich schließlich über viele organisatorische Dinge auf und ihre Kollegin gab mir eine erste kleine Lehreinheit in Isländisch. Das Alphabet hat mehr Buchstaben als unseres und man muss bei der Aussprache genau aufpassen, nicht plötzlich etwas komplett anderes zu sagen, als was man eigentlich meint.

Landschaft in IslandAm Abend habe ich die Zeit genutzt und bei der anderthalbstündigen Fahrt zu meiner Farm viele Eindrücke gesammelt: Wir sind an vielen anderen Farmen vorbeigefahren und die Gegend wurde immer unbewohnter, als wir uns dem Ziel näherten. Es wachsen kaum Bäume auf Island, die Landschaft sieht daher karg aus und ist trotzdem wunderschön.

Überall fließen Flüsse von den massiv aussehenden Bergen über Lavagestein und weite, in grün und rot getauchte Grasebenen in den rauen Atlantik. Ganz Island besteht aus Lavagestein und ist geologisch gesehen das jüngste Land Europas. Auch politisch ist Island ein junger Staat. Erst 1944 wurde es nach jahrhundertelanger wechselnder Herrschaft unabhängig. Zunächst wurden die Isländer von Norwegen, später von Schweden und schließlich von Dänemark verwaltet. Lange versperrten diese den Weg zur freien Wirtschaft. Isländische Erzeuger durften nur unter sich und mit Dänemark handeln. Aus diesem Grund wird der Unabhängigkeitstag noch heute ausgiebig gefeiert.

Meine Farmfamilie

Selbstgebaute Dammanlage zur Stromversorgung in IslandMeine Farm liegt auf der Halbinsel Snaefellsnes, mit dem aus dem Buch »Reise zum Mittelpunkt der Erde« von Jules Verne bekannten Vulkan Sneafellsjökull, am Fuße einer Bergkette. Zwei Wasserfälle speisen den kleinen Fluss, der mitten durch das Gelände der Farm fließt und diese mit Hilfe einer, in den 1950er Jahren selbstgebauten, Dammanlage mit Strom versorgt. Die Farm besteht aus einem gemütlichen Wohnhaus, dem Kuhstall, Schafstall inklusive Stall für Bullen und junge Kühe, sowie zwei kleineren Wohnhäusern, in denen der Bruder des Farmvaters und dessen Sohn wohnen.

Ich wurde von der Familie gut aufgenommen, habe immer mit ihnen gegessen und mein Zimmer war mitten im Wohnhaus. Der Farmvater heißt Gudbjartur und arbeitet immer noch fleißig beim Melken und Schafeintrieb mit. Ich sage »immer noch«, weil er bereits 73 Jahre alt ist, vor ein paar Jahren eine Herzoperation hatte und trotzdem fit ist und weite Wege in den Bergen zurücklegt – ein echtes Vorbild für mich!

Auch die Farmmutter kümmert sich beherzt um die Schafe, Pferde und um das Essen. Sie ist 61 Jahre alt und hat viel Lammfleisch, Fisch, Gemüsesuppen und als Beilage jeden Tag Kartoffeln gekocht. Zum Nachtisch gab es immer eine alte isländische Tradition: Skyr ist eine Art Joghurt und schmeckt am besten mit Zucker und Rosinen.

Meine Aufgaben auf der Farm

Stallkollegen Gunnar und JustinDie meiste Zeit habe ich mit Gunnar gearbeitet. Er ist 31 und hat die Farm vor Jahren von Gudbjartur und dessen Bruder übernommen. Meine Anweisungen habe ich auf Englisch erhalten, wobei die anderen untereinander natürlich Isländisch gesprochen haben, wovon ich nur ein paar Worte verstand. Wie man von Isländern sagt, sind sie eher zurückhaltend und reden nicht viel.

Mein erster Arbeitstag war sehr aufregend, da ich erstmals sehr nahen Kontakt zu so großen Kühen hatte und gleich ins kalte Wasser geworfen wurde. Ich sollte beim Melkvorgang die Euter der Kühe mit einem Waschlappen reinigen, was auch später mit zu meinen Hauptaufgaben gehören sollte. Gunnar schob die Melkmaschinen heran, schoss sie an die Röhren und befestigte die Maschine an den Eutern. Dabei bekam er oft Hilfe von seinem Vater oder an Wochenenden von seiner netten Freundin Sibba. Es waren knapp 40 Kühe im Stall, wovon manche Junge beim Waschen getreten haben und mit einem Seil angebunden werden mussten. Man benötigt Mut und Erfahrung, um die tretenden Hinterbeine der Kühe ohne Verletzung auf beiden Seiten zu binden.

Im Herbst durften die Kühe am Nachmittag noch auf die Weiden und hatten bis zum Abendmelken ihre Freiheit. Ich trieb sie dann meistens alleine zum Stall und band sie mit Gunnar an. Im Winter blieben sie jedoch im Stall, da die Weiden jeden Tag mit frischem Schnee bedeckt waren. Es gab auch heftige Stürme, bei denen die Straßen geschlossen werden mussten und in Reykjavik die Weihnachtsdekoration abgenommen wurde. Wenn die Kühe im Stall standen, wurden sie zur Mittagszeit von mir mit neuem Heu versorgt. Anschließend fütterte ich noch die jüngsten Kälber und bekam danach meistens andere Aufgaben, beispielsweise Schafe kippen. Diese wehren sich heftig und landen schließlich doch auf allen Vieren und bekommen ihre Wolle abrasiert. Sie haben ein Loch in mein Shirt gerissen und verpassten mir Kratzer an Hals und Armen. Gunnar zeigte mir ein paar Tricks, sodass ich nach und nach besser wurde. So wurde insgesamt eine Tonne Wolle angehäuft.

Kuhstall in IslandMeine weiteren Aufgaben waren das Füttern der Rinder mit großen Mengen von Heu, das Säubern der Hinterlassenschaften und das Reinigen der Melkmaschinen in der Milchküche. Das besondere Highlight war aber das Füttern der Kälber mit warmer Milch aus der Flasche. Es hat sehr viel Spaß gemacht, die ein paar Tage alten Kälber zum Trinken zu bringen.

Meistens war die Flasche sehr schnell leer, manchmal muss man ihnen aber auch Zeit geben oder sich gegen die anderen Kälber wehren. Wenn diese bereits Milch bekommen haben, wehrt man sie am besten mit einem Finger als Saugersatz ab.

Das werde ich niemals vergessen!

Eines der schönsten Erlebnisse passierte am ersten Tag im Dezember. Wie immer begann alles völlig überraschend für mich, als plötzlich ein Kalb beim Melken zwischen den Kühen lag. Doch es sollte nicht die einzige Geburt bleiben, die ich miterleben durfte. Nach dem Melken zogen Gunnar und ich gemeinsam ein etwas zu großes Kalb aus einer anderen Kuh. Auch dieses war gesund und zu Gunnars Freude ein weibliches Kalb.

Kälber tränkenNun dachte ich wirklich, es seien alle Kälber auf der Welt, aber Gunnar verließ den Stall und meinte: »Eines fehlt noch und du wirst es auf die Welt bringen«! Ich fragte mich, wie ein kompletter Amateur in Sachen Geburt das schaffen sollte, doch als ich dem größeren Kalb gerade seinen ersten Liter Milch gab, platschte es neben mir und der Zwilling vom ersten Kalb lag auf dem Boden. Ich hatte keine Zeit lange nachzudenken und befreite es schnell vom gröbsten Schleim und schleifte es von der Mutter. Ich musste sogar noch Schleim aus seinem Maul entfernen, damit es richtig atmen konnte. Erleichtert und voller Freude sah ich das kleine, männliche Kalb schließlich atmen und seine Milch trinken. Eine Zwillingsgeburt ist selten und findet nur etwa einmal im Jahr statt. Kühe sollten jedes Jahr ein neues Kalb auf die Welt bringen und sind dann 9 Monate lang schwanger.

Ein typischer Tagesablauf auf der Farm

Wir sind jeden Morgen um 7:30 Uhr aufgestanden und haben Haferbrei zum Frühstück gegessen. Die Arbeit begann um 8:00 Uhr und dauerte ca. bis 11:30 Uhr. Um 12:30 Uhr gab es Mittagessen und um 13:30 Uhr ging es weiter mit der Nachmittagsschicht bis 16:00 Uhr. Dann gab es jeden Tag eine gemütliche Tea-Time, bis sich um ca. 17:30 Uhr der Morgenablauf beim Melken wiederholte. Zwischen 20:00 und 21:00 Uhr sind wir dann zurück im Haus gewesen.

Da ich keinerlei Erfahrung in der Landwirtschaft hatte, musste ich in den ersten paar Tagen nach jedem kleinen Arbeitsschritt fragen. Später habe ich selbstständiger gearbeitet und war sehr froh, nach Island gekommen zu sein. Ich wollte genau diese Erfahrungen machen und engen Kontakt zu Tieren und Leuten haben. Manchmal hat es sich aber doch sehr surreal angefühlt – alles war ganz anders als in meiner Vergangenheit. Ich habe mich wie in einem langanhaltenden Traum gefühlt, der sich wie ein echtes Leben anfühlt. Es war schon immer ein Lebenstraum von mir, auf einer Farm zu leben und ich habe die Monate in Island sehr genossen.

Schafabtrieb in IslandIch erinnere mich sehr gerne an die wunderschönen Wanderungen in den steilen Abhängen der Berge hinter dem Haus. Dort haben wir an mehreren Nachmittagen im September Schafe ins Tal getrieben, die den Sommer über alleine auf den Wiesen und in den Bergen leben und sehr scheue Tiere sind. Man muss schon ein enormer Tierliebhaber sein, um sich nach solchen Anstrengungen nicht über einen schönen Lammbraten zu freuen. ;-) Außerdem sind sie nicht leicht zum Wiegen oder zum Test auf Fett- und Fleischgehalt zu bewegen. Sie wehren sich mit Hörnern und Beinen und rotten sich in den Ecken zusammen.

Im Winter waren alle 400 Schafe im Stall, dazu 200 Lämmer und 20 jüngere und ältere Böcke. In einer ca. zweiwöchigen Zeit im April wurden dann alle Lämmer geboren, wobei die Schafe Hilfe brauchten und jemand 24 Stunden anwesend sein musste. Diese Zeit war äußerst spannend und wird von vielen Farmern als schönste und anstrengendste Zeit des Jahres betitelt. Darunter auch ein befreundeter Schäfer/Bäcker/Fischer der Farmerfamilie, der mir die einmalige Chance gab, auf seinem Boot mit auf dem Atlantik fischen zu gehen.

Eine ozeanische Fischertour

An einem arbeitsfreien Tag durfte ich das Privatauto benutzen und nach Stykkishholmur fahren. Von dort sind wir in Eirikurs kleinem Boot hinaus aufs Meer gefahren und hatten eine wunderschöne Aussicht auf den Sneafellsjökull. Mir wurde bei meiner ersten ozeanischen Fischertour standesgemäß schlecht, sodass ich die meiste Zeit in der Kajüte verbringen musste. Eirikur verpasste es aber nicht, mich zu rufen, als uns plötzlich mehrere Delfine begleiteten und sich die für den Fischmarkt zu kleinen Fische schmecken ließen. Eirikur hatte zwei große Fangleinen ausgelegt und musste diese nur noch mit Hilfe einer Maschine hochziehen, den Fisch aufspießen und in seine Boxen rutschen lassen. Das Faszinierendste an ihm ist aber sein gefundenes Glück: Er lebt in einer 1.100-Einwohner-Stadt und kann jeden Tag selbst frei entscheiden, was er machen möchte. Mal hat er Lust auf das Meer, mal auf Schafe und einen anderen Tag auf Pause.

Seine Worte vor unserem Abschied »Ich liebe es in Island ein Leben als Farmer zu führen« könnten auch das Fazit meiner Farmarbeit in Island sein.

Euer Justin-Tim

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