Australiens indigene Land- und Bürgerrechtsbewegung – Teil 1

Australiens indigene Land- und Bürgerrechtsbewegung – Teil 1

Das Verhältnis des australischen Staates zu den Ureinwohnern Australiens ist nach wie vor eine äußerst komplizierte Angelegenheit, in deren Kontext eine ganze Reihe von Gesichtspunkten zum Tragen kommen.

Ein Aspekt dieser Problematik sind zwei vollkommen unterschiedliche Lebensweisen und Kulturverständnisse, die seit dem Eintreffen der weißen Siedler im 18. Jahrhundert immer wieder zu Konflikten geführt haben. Aus Sicht der Siedler galt der australische Kontinent seit 1788 als unbesiedeltes bzw. unkultiviertes Territorium (terra nullius). Und aus dieser Perspektive leitete sich auch der Umgang mit den australischen Ureinwohnern ab.

Ein Kompass liegt auf einer Australischen LandkarteWährend sich die Aborigines als integralen Bestandteil der Natur verstanden und dem Besitz von Land keinen hohen Stellenwert einräumten, betrachteten die weißen Siedler dies als fundamentale Notwendigkeit. Die Siedler brauchten Landbesitz, um existieren zu können, die australischen Ureinwohner verstanden sich als Teil dieses Landes, nicht als deren Besitzer.

Dass die Aborigines in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dennoch anfingen, ihre Landbesitzrechte durch politischen Widerstand einzufordern, entbehrt einerseits nicht einer gewissen Ironie, zeigt andererseits aber auch sehr deutlich, wie katastrophal ihre Situation im eigenen Land war. Mit den folgenden Abschnitten möchten wir versuchen, die historische Entwicklung dieser indigenen Land- und Bürgerrechtsbewegung zu skizzieren.

Pilbara Strike (1946)

Am 1. Mai 1946 traten 800 Aborigines-Farmarbeiter in der Region Pilbara für den Zeitraum von über drei Jahren in einen Streik. Auslöser dieser Proteste waren die Forderung gerechterer Löhne, bessere Arbeitsbedingungen sowie ein Rechtsanspruch auf ihr angestammtes Land. Die Ereignisse von Pilbara sind insofern von Bedeutung, als hier zum ersten Mal in der australischen Geschichte die Ureinwohner in größerer Zahl ihrem Unmut durch Protest bzw. Streik zum Ausdruck brachten.

Yolngu-Bark-Petition (1963)

Der 28. August 1963 muss als eines der wichtigsten Daten für die gesellschaftliche Situation der australischen Ureinwohner gesehen werden. An diesem Tag übergab eine Delegation der Yolngu aus Yirrkala (Gebiet im Nordosten des Amhem Land) dem General Gouverneur eine auf Baumrinde (engl. bark) verfasste Petition. Diese sogenannte Yolngu-Bark-Petition (oder auch: Yiirkala-Bark-Petition) forderte zum ersten Mal das Recht auf Landbesitz sowie kulturelle und ökonomische Selbstbestimmung.

1963 hatte die australische Regierung unter Premier Robert Gordon Menzies (1894-1978) entschieden, Teile des Arnhem Landes an eine Bauxit-Minengesellschaft zu vergeben und die Yolngu sahen ihren Lebensraum durch den Bergbau, der zu dieser Zeit auch in vielen anderen Teilen Australiens einsetzte, massiv bedroht. Mit dieser Petition, die inzwischen im Parliament House in Canberra aushängt, nahm Australiens indigene Landrechtsbewegung ihren Anfang.

Gurindji Strike (1966)

Einsatz während des Gurindji-StreiksNur drei Jahre später ging der Protest einer weiteren Gruppe aus dem Amhem Land in die australische Geschichte ein. Am 22. August 1966 startete der sogenannte Wave Hill Walk-Off (oder auch: Gurindji Strike), in dessen Rahmen ca. 200 Viehhirten, Hausangestellte und ihre Familien die Wave Hill Rinderfarm im australischen Northern Territory unter Protest verließen.

Die Gruppe schlug ihr Lager zunächst im Flussbett des Victoria River, siedelte aber aufgrund der anstehenden Regenzeit 1967 in die Nähe von Wattie Creek um.

Nahm die Öffentlichkeit diesen Streik zunächst nur als Protest gegen die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen wahr, so machte der Sprecher der Aborigines, Vincent Lingiari, den Australiern schnell klar, dass es ihm und seinen Leuten vor allem um die Rückgabe ihres Landes ging. Der Gurindji Strike war somit zwar nicht der erste Protest dieser Art, jedoch begannen zum ersten Mal auch viele weiße Australier – unter ihnen u. a. auch der australische Schriftsteller Frank Hardy (1917-1994) – das Anliegen der Ureinwohner zu unterstützen.

Innenpolitische Folgen und Erfolge

Sowohl die Yiirkala-Bark-Petition als auch der Gurindji Strike können daher als der Beginn der indigenen Land- und Bürgerrechtsbewegung gesehen werden. Für die nun auch politisch aktiv gewordenen Ureinwohner hatte die Forderung nach Landrechten allerdings auch einen kulturellen Aspekt. Denn die geforderte Landrückgabe bzw. Übereignung der traditionellen Gebiete verhieß zum einen die Schaffung ökonomischer Autarkie, zum anderen die Chance auf die Wiederbelebung bzw. Stärkung der eigenen kulturellen Identität.

Vor diesem Hintergrund begann die australische Regierung auf den politischen Druck zu reagieren und sprach im Zuge eines Referendums am 27. Mai 1967 den Aborigines offiziell die australischen Bürgerrechte zu. Als erster australischer Bundesstaat richtete South Australia 1966 einen Aboriginal Land Trust ein, welcher den Ureinwohnern Land übertragen konnte. Ähnliches folgte 1970 in Victoria, wo die lokale Regierung ein Gesetz verabschiedete, mit dem den Aborigines das Recht auf Grundbesitz zugesprochen wurde. Trotz dieser rechtlichen Verbesserungen ließen die Proteste nicht nach.

Aboriginal Tent Embassy und Flagge der Aborigines

So verliehen Aborigines-Stämme aus allen Teilen Australiens 1972 der Forderung nach Landrechten Nachdruck, indem sie vor dem australischen Parlament in Canberra die Aboriginal Tent Embassy errichteten. Hierbei wurde auch zum ersten Mal die neue Flagge der Aborigines aufgezogen, mit der die Einheit aller Stämme als Teil der australischen Bevölkerung symbolisiert werden sollte.

Die Flagge der AboriginesDie dreifarbige Flagge wurde von Harold Thomas (*1947) entworfen, der als erster Ureinwohner überhaupt das Examen an einer australischen Kunstakademie abschließen konnte. Dabei steht das Rot sowohl für die Farbe der Mutter Erde als auch für das zeremoniell genutzte Ockerbraun. Schwarz symbolisiert den Schöpfungsmythos der Traumzeit und Gelb referiert auf die Sonne als ständigen Begleiter und Erneuerer allen Lebens.

Aboriginal Land Rights (Northem Territory) Act

1974 veranlasste die australische Labour-Regierung unter Gough Whitlam (*1916) eine grundlegende politische Überprüfung der Landrechtsforderungen durch eine dafür eigens eingesetzte Kommission. Ergebnis dieser Überprüfung war der 1976 erlassene Aboriginal Land Rights (Northem Territory) Act, mit dem diejenigen Aborigines des Northern Territory das Landrecht eingeräumt bekamen, die immer noch traditionell in ihren ursprünglichen Territorien lebten. Weiterhin wurde ihnen gesetzlich zugesichert, ehemalige Reservate übernehmen zu können, Anspruch auf ungenutztes Land im Besitz der britischen Krone (engl. crown land) anzumelden und sich auch gegen die Ausbeutung von Bodenschätzen wehren zu können.

Verhandlungen um die Landrechte zwischen Gough Whitlam und Vincent LingiariIn den 1970er Jahren begannen die Aborigines im Outback auch mit dem Aufbau sogenannter Outstations, in denen sie ihre traditionelle Lebensform weiterführen konnten. Hier schufen sie auch durch Gartenbau und Farmwirtschaft sowie Kunst- und Textilproduktion eine weitere Existenzgrundlage. Gerade in den letzten Jahren sind diese Produkte zu wichtigen Einnahmequellen der Gemeinden geworden.

Als politische Kontrollinstanzen wurden dazu die sogenannten Aboriginal Land Councils und Aboriginal Commissioners eingesetzt. So richtete z.B. Tasmanien 1978 einen Aboriginal Land Fund Trust ein, mit dem ungenutztes Regierungsland für die Ureinwohner aufgekauft werden sollte.

Erste Ergebnisse in den 1980er Jahren

Im Gegensatz zum Northern Territory und Tasmanien verabschiedeten viele andere australische Bundesstaaten erst in den 1980er Jahren eigene Formen der Landrechtsgesetze: New South Wales 1983, Queensland 1984 und schließlich Western Australia 1986. Zwar verfügten die Aborigines aufgrund dieser Gesetze im Jahre 1986 über eine Landfläche von 768180 km2 (ca. 8,3% der australischen Gesamtfläche), jedoch richteten sich die Verfügungsmöglichkeiten rein nach ökonomischen Erwägungen der einzelnen Bundesstaaten, die dann wiederum per legislativer Handhabung die Option eines erneuten Entzugs behielten.

Landrückgabe-Zeremonie des UluruSo wurde z.B. der Ayers Rock nur übertragen, sodass der Bundesstaat Northern Territory ihn für die Dauer von 99 Jahren für touristische Zwecke nutzen konnte. Nach Ablauf dieser Zeit sieht der Pachtvertrag allerdings eine Neuverhandlung vor und alle Versuche der australischen Regierung, diesen Anspruch einzuschränken, stießen auf massive Widerstände.

Der 200. Jahrestag der australischen Besiedlung

Am 26. Februar 1988 feierte Australien mit zahlreichen festlichen Aktivitäten den 200. Jahrestag der europäischen Besiedlung. Die Festlichkeiten des Februars wurden allerdings von massiven Protesten der Aborigines begleitet, die der Welt die Konsequenzen der weißen Besiedlung vor Augen führen wollten. Beispielsweise passierte Folgendes:

Aborigines protestieren während des 200-jährigen Jubiläums der europäischen BesiedlungDer Künstler und Schriftsteller Burnum Burnum nahm die britischen Inseln in Besitz, indem er mit einem Ruderboot an der englischen Südküste landete, um dort die Flagge der Ureinwohner zu hissen und das britische Königreich auf diese Weise für seine Leute zu annektieren.

Mit den Protestaktionen rund um den 200. Jahrestag begann sich aber auch zu zeigen, dass die australische Identität inzwischen eng mit den Aborigines verbunden war und die (politischen) Versuche der Wiedergutmachung weitere Früchte zu tragen begannen. So wurden während dieser Zeit eine ganze Reihe kleiner indigener Kunsthandwerk- und Textilunternehmen, Medienanstalten, Musen und Kulturzentren gegründet, um die alten Traditionen und die Sprache gegen ihr Verschwinden zu sichern und für eine Verständigung zwischen den beiden so verschiedenen Kulturen zu sorgen. Weiterhin versuchte man in den Schulen und der Berufsausbildung Lehrpläne zu entwickeln, die eine gemeinsame Ausbildung ermöglichen sollten.

Der Rechtsstreit »Eddie Mabo vs Queensland and the Commonwealth«

Eddie Mabo steht mit einem Freund am heimatlichen StrandEin Urteil des High Court of Australia hob den eingangs geschilderten Status der terra nullius auf und sorgte dafür, dass den Aborigines ein verbrieftes Recht auf Landbesitz zugesprochen wurde. Bereits 1982 hatten Eddie Mabo und andere indigene Aktivisten ihr Recht auf Landbesitz gerichtlich eingefordert. Streitpunkt war das Gebiet der Murray-Inseln (Land und Wasser).

Als Reaktion auf diese Klage verabschiedete die Regierung des Bundesstaates Queensland den sogenannten Coastal Islands Declaratory Act, gemäß dem sämtliche traditionellen Landrechte der Insulaner in dem Moment aufgehoben worden seien, in dem die Inseln Teil der Kolonie Queensland wurden. Das Gericht erklärte das Gesetz aufgrund seines rassistischen Inhalts für ungültig. Zwar wurde der Fall 1991 wieder aufgerollt, jedoch erhielten der inzwischen an Krebs verstorbene Mabo und seine Mitstreiter auch in zweiter Instanz das Recht auf ihr Land zugesprochen.

Das Ende des terra nullis-Rechtsstatus

Somit wurden zum ersten Mal in der knapp 200-jährigen Geschichte des Staates Australien die Aborigines als ursprüngliche Besitzer des Landes anerkannt. Die australische Regierung zog ihre Konsequenzen aus diesem Urteil und erkannte zum Jahreswechsel 1993 – ebenfalls zum ersten Mal – ein Rechtsurteil als Möglichkeit zur Schaffung grundlegender gesetzlicher Neuregelungen an. Dies war aber nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Deine Möglichkeiten in Australien

Share this Story

Verwandte Artikel

Hinterlasse einen Kommentar (mind. 10 Zeichen)

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Unsere Gratis-Kataloge

Zu unseren Programmen

Stepin auf Facebook

Stepin auf Instagram