Miriam in Paraguay #7: Anekdoten aus Paraguay

Miriam in Paraguay #7: Anekdoten aus Paraguay

Jedes Abenteuer geht einmal zu Ende – so auch das von Miriam. In ihrem letzten Artikel ihrer Artikelserie „Anekdoten aus Paraguay“ gibt sie Einblicke ins Guaraní und erklärt, warum es nicht ganz so einfach ist, sich von ihren neu gewonnenen Freunden zu verabschieden:

Wusstet ihr, dass in der zweiten Amtssprache Paraguays, in Guaraní, weder ein Ausdruck für „Hallo!“ noch für „Tschüss!“ existiert? Warum – das habe ich mich auch gefragt. Ist den Leuten der Gruß nicht wichtig? Tatsache ist, sie brauchen diese Formeln nicht. Trifft man auf einen Bekannten, schießt man sofort mit der Frage ¿mba’éichapa? heraus, was das Äquivalent von „Wie geht’s dir?“ darstellt. Und beim Verabschieden heißt es jahá, „Lass uns gehen“ – von wegen „Auf Wiedersehen“. Die Devise lautet also, nicht zu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten zu verschwenden, sondern lieber auf den Punkt kommen. Eigentlich ziemlich praktisch und einfach.

Anekdoten aus Paraguay: Paraguayerin am Straßenrand

Wären da nicht die zwölf verschiedenen Vokale, die diese Sprache ebenfalls besitzt und die ein Europäer nie und nimmer aussprechen kann, ohne jahrelang auf dem Land gelebt zu haben. y wird zum Beispiel wie „ugh“ ausgesprochen und heißt „Wasser“. Wer das gemeistert hat, darf sich der nächsten Herausforderung stellen und sich an der nasalen Variante, dem ỹ, versuchen. Und dann kommt noch hinzu, dass der Paraguayer gerne das Guaraní mit dem Spanisch vermischt, so wie es ihm gerade passt und ich mit meinem mühsam antrainierten „Unterrichts“-Spanisch trotzdem daneben stehe und keine Ahnung habe, ob nun mein Anliegen diskutiert wird oder das Leben der Tante des Bruders des Nachbarn…

Was ich aber schön finde am Guaraní, ist die Bildhaftigkeit der Sprache. Da das Guaraní an sich ja sehr praktisch und einfach aufgebaut ist, gibt es nicht viele Wörter. So heißt z.B. po gleichzeitig „fünf“ und „Hand“, was ich für sehr sinnvoll halte. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wäre es bestimmt toll gewesen, noch mehr solcher Wörter zu entdecken und mich daran zu erfreuen – doch wie gesagt, das wäre eine lebenslange Aufgabe.

Anekdoten aus Paraguay: Markt

Glücklicherweise bedient sich der Paraguayer zusätzlich allseits verständlicher Gesten – sobald man sie denn deuten kann. Es gibt das sogar für mich klar erkennbare „Daumen hoch“, mit dem ganz schnell signalisiert wird, dass, todo bien, alles in Ordnung ist. Ein bisschen schwieriger zu verstehen ist die interaktive Geste emongarú, die übersetzt „Füttern“ bedeutet. Alle fünf Finger werden spitz zusammengeführt, gleich einem Vogelkopf, der nach unten schaut, woraufhin die andere Person dieselbe Geste umgedreht mit den Fingern nach oben macht, sozusagen das Küken darstellt, und man sich kurz an den Fingerspitzen berührt. Was könnte das nun heißen? Tatsächlich ist es die paraguayische Variante eines „High Five“. Wie das wohl entstanden ist, fragt mich nicht. Aber es hat was – und macht Spaß. Die verwirrendste Geste ist aber eine andere, weil sie leicht missverstanden werden kann. Die Handbewegung zum Ausruf ¡Vení un poco! (=Komm mal her) kann im ersten Moment irritierend sein, da sie eher nach einem Verscheuchen aussieht. Der Arm wird nach vorne ausgestreckt und alle Finger winken nach unten in Richtung Handfläche, oft begleitet von einem Geräusch wie „schhh schh“. Sobald man der Person aber im Gesicht anmerkt, dass man es nicht böse mit einem meint, ist das Missverständnis schnell aufgehoben.

Anekdoten aus Paraguay: Abschied nehmen

So, und als kleinen Knigge-Zusatz darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass es üblich ist, jeden Einzelnen zu begrüßen bzw. zu verabschieden, wenn man zu einer Gruppe von Menschen dazustößt oder sie verlässt. Selbst wenn man nicht alle kennt und es ewig lange dauert, bis man die Runde gemacht hat, wird es für unhöflich gehalten, wenn man es nicht tut, so, als hätte man jemanden übergangen. In meinem Falle sah es deshalb so aus, dass ich in meiner letzten Woche in Asunción, die so plötzlich da war, eine Verabschiedung nach der andren abklappern musste, damit meine Abreise bei keinem eine Überraschung blieb. Auch wenn es anstrengend war, wurde mir noch ein letztes Mal das Gefühl gegeben, irgendwo neu aufgenommen worden, aufgehoben gewesen zu sein. Was bleibt, sind keine leeren Versprechungen á la „Wir sehen uns ganz bald wieder“, denn man verspricht besser nichts, was man nicht zu 100% halten kann. Die Wahrheit ist, ich weiß nicht, wann ich wieder komme. Aber: Jetzt weiß ich, dass ich da auf der anderen Seite des Ozeans ein zweites Zuhause habe, das ich besuchen werde, sobald ich kann.

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