Miriam in Paraguay #5: Über Quebracho, Palo Santo und Samu’ú

Miriam in Paraguay #5: Über Quebracho, Palo Santo und Samu’ú

Miriam Blaimer war auf Entdeckungstour durch den paraguanischen Chaco. In ihrem fünften Bericht ihrer Gastartikelserie klärt sie uns über die Geschichte des Chacos auf und erzählt uns von ihrem aufregenden Ausflug: Freiwilligenarbeit: Strasse in Filadelfia nach dem RegenDie Grenzen der Hauptstadt verlassen, problemlos die Straßenposten passiert, den Río Paraguay überquert, danach beinahe die ärmlichen Hütten am Straßenrand mitgerissen, nach links auf die Ruta 9 abgebogen, nun auch die letzten Anzeichen menschlichen Lebens hinter sich gelassen, stundenlang einfach nur richtig Gas gegeben, mit ein bisschen Glück nicht an den überdimensionalen Schlaglöchern verunglückt, an Hunderten von kreuz und quer stehenden Palmen und Gestrüpp vorbeigefahren, bei km 249 bei Pirahu für eine empanada jamón y queso angehalten, und schließlich bei einer Ansammlung von Häusern angelangt, die tatsächlich eine Stadt vermuten lassen.

So in etwa verläuft wohl die Fahrt eines jeden, der sich auf den Weg in den paraguayischen Chaco macht. Ich hatte letztes Wochenende das Glück, dass in Filadelfia, der zentralen Stadt, ein Lehrerseminar für Lehramtsstudenten stattfand und ich mitfuhr, um endlich mal in den Chaco zu kommen, von dem ich schon so viel gehört hatte. Doch was ist der Chaco eigentlich?

Der Chaco bezeichnet das Gebiet, welches nordwestlich von Asunción liegt. Geografisch nimmt er zwar 61% des Landes ein, doch nur ca. 3% der paraguayischen Bevölkerung leben dort. Im Chaco lebt es sich nicht leicht: Nicht nur im Sommer herrscht eine sengende Hitze – hat man Pech, regnet es über 10 Monate nicht. Deswegen sind die Dächer der Häuser auch aus Wellblech, damit die Menschen den wenigen Regen in Zisternen speichern können.

Den Chaco könnte man als eine Art Wüste bezeichnen, die besonderen Tieren Lebensraum bietet, wie zum Beispiel diversen Raubkatzen, Gürteltieren, dem Tuco-tuco oder der Carancho; und in der typische Pflanzen wachsen, wie der samu’ú (Flaschenbaum), quebracho (weißliche Rinde) oder der palo santo (dt: heiliges Holz). Der Palo Santo ist übrigens vom Aussterben bedroht, da er so langsam wächst. Aus seinem olivfarbenen Holz schnitzen Eingeborene  schon seit Urzeiten wunderschöne Kunstwerke.

Die Schnitzereien werden immer noch verkauft, ansonsten änderte sich in der Zwischenzeit aber ziemlich viel: Im Jahre 1927entstand die erste mennonitische Kolonie ‚Menno‚ durch die Stadtgründung Loma Platas (~10.000 Menschen). Die Mennoniten waren zu dieser Zeit in großer Landnot und konnten nicht in Deutschland, Russland oder Kanada bleiben (schon ab 1788 begannen die ersten Migrationsbewegungen). 1930 wurde die zweite Kolonie ‚Fernheim‚ ganz in der Nähe gegründet. Dieses Mal waren die Mennoniten nicht über Kanada gekommen, sondern flohen aus Russland. Und schließlich nach dem 2. Weltkrieg entstand die dritte Kolonie ‚Neuland‚ des Chacos. Die ersten Einwanderer sahen sich mit den oben geschilderten Umständen der Chacos-Region konfrontiert. Sie mussten am Fluss ein vorübergehendes Lager aufschlagen und verdienten sich ihr Geld am Tanin, das der quebracho-Baum enthält. Zum Glück gab es außer dem salzigen, lehmigen Chacoboden auch den sog. campo, den man bewirtschaften kann. Anfangs wurden v.a. Erdnüsse und Baumwolle angebaut, in den 80er Jahren stiegen die Leute auf Milchwirtschaft um und heutzutage wird das Geschäft mit dem Rindfleisch immer beliebter. Seit 2008 gibt es in Filadelfia eine asphaltierte Hauptstraße.

Freiwilligenarbeit: Miriam vor einem Flaschenbaum

Die große Frage steht eigentlich noch aus: Wie leben denn die Eingeborenen heute? Die Menschen, die schon seit Hunderten von Jahren das Gebiet besiedelten? Das erfuhr ich  hautnah im ‚reichsten‘ Indigenas-Dorf um Loma Plata: Pesompo’ó. Dort leben die sog. ‚Lengua‘-Indianer, die sich selbst je nach Region ‚Enlhet‘ bzw. ‚Enxet‘ nennen. Sie kamen in den 80er Jahren zu den Kolonien, um Arbeit zu suchen. Trotzdem war ich erst einmal baff, als ich die alten Leute auch Plattdeutsch sprechen hörte. Kein Wunder, das haben sich die Arbeiter alles durchs Zuhören angeeignet. Eigentlich bestand das ganze Dorf aus Kontrasten.

Freiwilligenarbeit: Haus mit Regenrinne im Chaco

Kleine Ziegelhäuschen und ein paar Schritte weiter aus Planen gebastelte Hütten, kleine Blumengärtchen, zugemüllte Höfe, ein recht neues Schulgelände, eine alte Kirche, einige Volleyballnetze, sogar eine offene Sporthalle und dazwischen ein paar Autos, Motorräder, Radios, Satellitenschüsseln, gezückte Handys…. es waren sogar einige Regenrinnen-Zisternen-Konstruktionen zu erkennen. Nicht nur das macht das Dorf ‚modern‘. Die Eingeborenen führten auch das System der Kooperativen bzw. ein Abgabensystem wie die Mennoniten ein. Die Mennoniten ihrerseits scheinen zugleich zu merken, was den Ureinwohnern damals ‚angetan‘ wurde, als ihre hellhäutigen Vorfahren ankamen und behaupteten, das Land, auf dem die Eingeborenen stünden, wäre jetzt ihres. Es ist heute so, dass den Indianern eine Unterstützung geboten wird (allerdings in ‚westlicher‘ Form), was natürlich nicht komplett funktionieren kann, und andererseits passen sich die Indianer auch von selbst an, weil sie erkennen müssen, dass einige ihrer Methoden in der heutigen Zeit überholt sind und es anders besser klappt. Die Leute leben also irgendwie zwischen den beiden Kulturen – ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein muss. Aber zumindest in diesem Dorf schienen die Leute ganz zufrieden zu sein. Die Mehrheit hat wohl ein festes Einkommen und die Dorfgemeinschaft kann sich erhalten. Trotzdem lungern viele Jugendliche herum, die nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen – schon ein Besuch, der nachdenklich gemacht hat.

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