Es ist Freitag und das heißt auf der Weltneugier: Es ist wieder Zeit für eine Rezension bzw. Buchvorstellung. Und heute haben wir – zum ersten Mal überhaupt – eine Graphic Novel im Angebot. Der spanische Comiczeichner Ángel de la Calle zeichnete das Leben Tina Modottis und veröffentlichte 2003 den ersten Teil dieses auf zwei Bände angelegten und mehrfach preisgekrönten Werkes. 2011 ist diese Graphic Novel in der Übersetzung von Timo Berger endlich auch als Doppelband in Deutschland unter dem Titel Modotti – Eine Frau des 20. Jahrhunderts (Rotbuch Verlag) erschienen.
Das bewegte Leben einer politischen Frau – Fotografie und Politik
Den wenigsten Leuten dürfte der Name bzw. die Person Tina Modotti heute noch ein Begriff sein. Was eigentlich erstaunt, denn ihre Lebensgeschichte ist so spektakulär, dass man beim Lesen eher an ein überzeichnetes Hollywood-Drehbuch als an eine reale Biographie denken muss. Wer also war diese Frau, die es posthum zur Protagonistin besagter Graphic Novel gebracht hat?
Tina Modotti wurde 1896 wurde in einfachen Verhältnissen in Italien geboren und wanderte 1913 mit ihrer Familie nach Amerika aus. In San Francisco arbeitete sie zunächst in einer Textilfabrik als Näherin. 1918 ging sie mit dem kanadischen Dichter und Maler Roubaix del’ Abrie Richey (Robo) nach Los Angeles und spielte dort in den Hollywood-Produktionen The Tiger’s Coat (1920), Riding With Death (1921) und I Can Explain (1922) mit. 1921 machte sie Bekanntschaft mit dem renommierten Fotografen Edward Weston, dessen Modell, Schülerin und schließlich auch Geliebte sie wurde. Zusammen mit Weston bereiste sie 1923 Mexiko, wo sie in Kontakt mit der „postrevolutionären Bohème“, also Künstlern wie Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros und José Clemente Orozco, kam. Während dieser Zeit verliebte sie sich in den im mexikanischen Exil lebenden Gründer der Kommunistischen Partei Kubas, Julio Antonio Mella, der vor ihren Augen im Januar 1927 erschossen wurde. Diese Einflüsse führten bei Modotti zu einer Radikalisierung ihrer politischen Haltung und ließen sie 1927 in die Kommunistische Partei Mexiko eintreten.
Diese Politisierung spiegelt sich auch in ihrer Arbeit als Fotografin wieder. So ersetzte sie die anfangs noch unpolitischen Portraitbilder mit der Zeit zunehmend durch gesellschaftskritische Aufnahmen. Und obwohl sie zu Beginn der 1930er Jahre die Kunst fast gänzlich zugunsten ihrer politischen Aktivitäten aufgab, gilt ihr formal sehr rigider Stil immer noch als wichtiger Einfluss auf die Entwicklung des damals noch jungen Mediums Fotografie. 1930 führte diese allerdings dazu, dass sie aus Mexiko ausgewiesen wurde und in den nächsten Jahren zwischen Berlin, Moskau, Paris und Madrid pendelte. Hier arbeitete sie bei der Internationalen Roten Hilfe als Übersetzerin ausländischer Presseberichte, verfasste selbst Artikel und war in russische Geheimdienstaktivitäten verflochten. Erst 1939 kehrte sie nach Mexiko zurück, wo sie 1942 schließlich verstarb.
Ein Leben in Bildern – Die Graphic Novel als Biopic
Galten Graphic Novels lange Zeit lediglich als eine Art (über-)ambitionierte Variante des Comics, wurde das Genre spätestens 1992 durch die Pulitzer-Preis-Auszeichnung von Art Spiegelmans Maus in den Stand ernstzunehmender Literatur erhoben. Spiegelman hatte gezeigt, dass auch gezeichnete Werke durchaus in der Lage sind, eine ernste (Lebens-)Geschichte zu erzählen. Und vor diesem Hintergrund ist auch das Opus Magnum von Ángel de la Calle zu verstehen, denn die Kombination von Bildern, Texten und dem Layout einzelner Seiten erzählt das Leben einer faszinierenden Persönlichkeit, das hier in den verschiedenen Kontexten von Kunst, Historie und politischer bzw. ästhetischer Weltanschauung inszeniert wird.
Und so wird nahezu die gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und seine Ereignisdichte mit Modottis Leben in Bildern und über Bildzitate verknüpft: Georg Grosz in Berlin, Picasso im Spanischen Bürgerkrieg, Manet und Monet in idyllischen Momenten, Walter Benjamin in Paris aber auch der Zeichner und sein Umfeld selbst: So wird die sich zunehmend verdüsternde Geschichte Modottis immer wieder durch ironische und äußerst gelungene Passagen konterkariert, in denen de la Calle zusammen mit seinem Kompagnon Paco Ignacio Taibo II als kommunistisch gewendete Superhelden aus dem Marvel-Universum um die Welt fliegen und über Politik und Kunst philosophieren. All dies hat aber nichts mit postmoderner Zitat-Kultur zu tun, sondern dient der Verdeutlichung bzw. Vergegenwärtigung der jeweils erzählten Situation.
Neben dieser Vermischung von Hoch- und Popkultur findet sich aber auch noch ein anderes zentrales Element, mit dem diese Geschichte erzählt wird, nämlich der Bezug zur Kriminalliteratur. Und dieser ist auch insofern naheliegend, als dass die beiden ungeklärten Todesfälle bzw. Morde in der Geschichte als erzählerische Wendepunkte fungieren und die Graphic Novel an vielen Stellen auf die Werke von Jerome Charyn und vor allem Taibo verweisen. In diesem Sinne ließe sich Modotti durchaus auch als politischer Noir-Thriller in Comicform lesen.
Fazit
Ángel de la Calle setzt mit seiner Graphic Novel Tina Modotti als Person und Künstlerin ein literarisches Denkmal. Dem Spanier ist dabei ein äußerst vielschichtiges Werk gelungen, mit dem er die Geschichte einer der großen Frauenfiguren des 20. Jahrhunderts in beeindruckenden Bildern erzählt und seine Protagonistin aus dem in den letzten Jahren immer größer gewordenen Schattens Frieda Kahlos herausholt. Und um dies nochmal zu betonen, diese Biographie hat wirklich einiges zu bieten:
Modotti war Muse, Modell und Geliebte berühmter Männer, war selbst berühmte Fotografin, deren Bilder noch heute im New Yorker MoMA ausgestellt sind. Darüber hinaus war aktive Kommunistin, Spionin, Feministin und nahm ebenfalls am Spanischen Bürgerkrieg teil. Sie hat in Italien, USA, Mexiko, Deutschland, Russland, Frankreich, Spanien und schließlich wieder Mexiko gelebt und kam in Kontakt mit zahlreichen bedeutenden Künstlern und Intellektuellen ihrer Epoche. Kurzum, ein sinnvollerer Untertitel als Eine Frau des 20. Jahrhunderts hätte man nicht wählen können.
Und in diesem Sinne ist Ángel de la Calles „Modotti“ ein absolut überzeugendes Werk, das einerseits als stilbildendes Werk des Genres Graphic Novel zu sehen ist und das wir andererseits jedem nur ans Herz legen können. Eine klare Empfehlung.
Details:
Rotbuch Verlag
ISBN 978-3-86789-137-0
272 Seiten, 17,3 x 24,5 cm brosch.








[...] 20. Jahrhunderts (Rotbuch Verlag). Wir hatten Euch das Buch ja schon vor einigen Wochen in einer Rezension vorgestellt. Umso mehr freuen wir uns, dass der Verlag die beiden Exemplare zur Verfügung gestellt [...]