Den meisten Europäern dürfte beim Gedanken an den Kongo wohl zwei Dinge einfallen: Zum einen Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ (1899), zum anderen ein Land in Zentralafrika, welches seit einigen Jahren negative Schlagzeilen in der medialen Wahrnehmung liefert: Schauplatz eines seit Jahren andauernden Bürgerkriegs, Heimat grausamer Diktatoren, aber auch Lieferant zahlreicher Rohstoffe. Nicht unbedingt ein Platz, an dem man seinen nächsten Urlaub verbringen möchte. Die deutsche Journalistin Andrea Böhm hat hier zwar nicht ihren Ferien verbracht, aber seit 2002 den Kongo regelmäßig bereist. Ihre Erfahrungen und Eindrücke liegen nun unter dem Titel Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo (Pantheon Verlag) in Buchform vor.

Ins helle „Herz der Finsternis“
Die Autorin nimmt den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mit auf eine Entdeckungsreise durch ein eigentlich unbekanntes Terrain und die Geschichten, die seine Bewohner zu erzählen haben. Ausgangspunkt ist zunächst die chaotische, aber pulsierende Hauptstadt Kinshasa, wo sie eine Boxschule im verfallenem Tata Raphaël Stadion besucht. Der Ort ist auf doppelte Art und Weise eine Besonderheit: In diesem Stadion fand am 30. Oktober 1974 unter dem Motto: „Rumble in the Jungle“ der Weltmeisterkampf im Schwergewicht zwischen Muhammad Ali und George Foreman statt und in der Boxschule trainieren vor allem Marktfrauen, die sich als Boxerinnen ein Zubrot verdienen. Auf ihren anderen Reisen befährt sie einen der wichtigsten Nebenflüsse des Kongos, den Kasai und verfolgt die Spuren eines afroamerikanischen Missionars, der 1892 als erster Ausländer das Dschungel-Königreich der Kuba betrat und später die Verbrechen der Kolonialmacht an diesem Stamm ausführlich dokumentierte.
Sie trifft auf die mysteriösen Mayi-Mayi-Rebellen, die sich selbst für unverwundbar halten, berichtet von der Wiedervereinigung eines Kindersoldaten mit seiner Mutter und macht die Bekanntschaft eines Sinfonieorchesters, das mit selbst gebauten bzw. gebrauchten Instrumenten sein Heil in Gott und Beethoven sucht. Böhm begleitet Kongolesen, die versuchen, in ihrem Land ein Minimum an staatlicher Struktur zu errichten und so der scheinbar omnipräsenten Korruption entgegen zu treten. Sie befragt Bergarbeiter im Ostkongo, die mit nichts als ihren bloßen Händen nach Bodenschätzen graben und trotzdem ständig auf den einen großen Fund hoffen.
In die Geschichten dieser Menschen fließt aber immer wieder auch ein profundes Wissen über die Kultur und vor allem bewegte Geschichte des Landes ein: Ob die Auswirkungen der Globalisierung, die durch Zweisprachigkeit des Landes hervorgerufenen Konflikte oder das Schicksal des ehemaligen Premierministers Patrice Lumumba – Böhm liefert jede Menge Daten und Fakten, die ihre These, dass der Kongo ein „Schauplatz globaler Zäsuren“ (Gott und die Krokodile, S. 9) sei, glaubhaft belegen.
Fazit
Auch wenn Andrea Böhm mehrfach betont, dass sie den korrupten und gewalttätigen Zustand des Landes als abschreckend und verstörend empfindet, macht sie keinen Hehl daraus, dass der Kongo für sie keineswegs das „Herz der Finsternis“ verkörpert. Für sie geht es in erster Linie um die Menschen und Bewohner des Landes, deren Fähigkeit zur konstanten Improvisation ihnen einen würdevollen Stoizismus verleiht.
Und diese Haltung schafft Böhm immer wieder herauszuarbeiten. „Gott und Krokodile“ ist auf jeden Fall ein von Sympathie getragenes Buch über Afrika, den Kongo und seine Bewohner, das es mit fundiertem Wissen jenseits aller (herablassenden) Klischees schafft, ein kritisches Porträt des faszinierenden Landes und seiner – nach wie vor – sehr komplizierten Situation zu liefern. Sie selbst skizziert ihren Ansatz wie folgt:
„Dieses Buch erzählt vor allem vom Leben dieser Menschen und von meinem Versuch, dieses Leben zu begreifen. Ob mir das gelungen ist, mag ich nicht zu beurteilen. Aber ich hoffe, ich habe ihre Geschichten möglichst genau wiedergegeben.“ (Gott und die Krokodile, S. 10)
Die Frage nach dem Gelingen ist an dieser Stelle sehr eindeutig zu bejahen. Kurzum, ein hervorragendes, eindringlich geschriebenes Buch einer mutigen Autorin, der man nur zu einem der vielleicht besten deutschsprachigen Bücher zu diesem Thema gratulieren kann.
Kurzinfo zum Buch
Andrea Böhm
Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo.
Pantheon Verlag, 1. Auflage 2011.
Weitere Infos und eine Leseprobe gibt es auf der Website des Pantheon Verlag.






Dank für die eloquente Rezension. Sie macht Lust zu lesen. Ich finde es auch immer wieder erfrischend, wenn Afrika nicht als Synonym für Elend und Bürgerkrieg verwendet wird.