Wir hatten vor einigen Tagen ja das Buch “Moko – Tattoo der Maoris” (mana-Verlag) von Mirja Loth vorgestellt bzw. 3 Exemplare in einem kleinen Gewinnspiel verlost. Über den guten Kontakt zum Verlag – an dieser Stelle vielen Dank an Frau Möhle – ergab sich die Möglichkeit, die Autorin des Buches für ein Interview zu gewinnen. Ein Gespräch mit der Künstlerin, Illustratorin und Kommunikationsdesignerin aus Hamburg über das Thema und die Entstehung ihres Buchprojekts. Natürlich wollten wir auch wissen, ob sie selbst eine Tätowierung trägt ;-) (…)  aber lest selbst.

Weltneugier: Interview mit Mirja LothHallo Frau Loth. Zunächst vielen Dank, dass Sie sich etwas Zeit für uns und unsere Fragen genommen haben. Bevor wir in das Interview einsteigen, möchten wir Sie bitten, sich kurz den Lesern der Weltneugier vorzustellen und uns etwas über Ihren Werdegang zu erzählen.

Ich habe schon immer gerne gemalt und gezeichnet. Doch zugleich wollte ich Kunst mit einem Nutzwert verbinden und mich mit Sachthemen auseinandersetzen. Nach der Schule begann ich ein staatliches Designstudium, in dem ich mich wunderbar austoben konnte. Hier konnte ich auch meine Neigung zum Journalistischen ein Ventil geben, in dem ich mich auf die Sachillustration oder informative Illustration spezialisierte. Informationen wurden visuell aufbereitet und auf eine andere Art Weise zugänglich gemacht. Das heißt ich konnte den Themen  auf den Grund gehen, in dem ich sie nicht nur durch Worte beschrieb, sondern ihnen auch eine Gestaltung verlieh.

Die Tätowiertradition der Maori ist ja nicht gerade ein – sagen wir mal – alltägliches Thema. Wie sind Sie damit in Berührung bzw. wann ist Ihnen die Idee zu dem Buch gekommen?

Ich finde fremde Kulturen spannend und habe längere Auslandsaufenthalte genossen, wann immer sich die Möglichkeit bot. In einem Au-pair-Jahr in Frankreich lernte ich Neuseeländer kennen (darunter auch eine Maori), die mir viel von ihrer Heimat erzählten. Vor allem berichteten sie von der Kultur der Maoris, die eine große künstlerische Tradition pflegen. Während meines Designstudiums wollte ich also unbedingt nach Neuseeland, um mich von den schönen Mustern und Ornamenten der Maori inspirieren zu lassen. 2007 kam ich an die Unitec in Auckland und machte interessante Kontakte. Ein Kurs über die ozeanische Kultur machte mich auf die Tätowiertradition aufmerksam. In einem kurzen Referat bemerkte ich dann, welche Tiefe das Thema „Moko“ zu bieten hat.

Sie haben das Buch in der Doppelfunktion als Autorin und Illustratorin verfasst. Wie dürfen wir uns die Arbeitsweise vorstellen bzw. gab es überhaupt so etwas wie eine Trennung zwischen diesen Bereichen?

Nein, eine wirkliche Trennung der Bereiche gab es nur in kurzen Phasen, wo eine Reinfassung der Texte entstehen musste oder aus Skizzen Malereien entstehen sollten. Es ist schön als Illustrator eines Themas die Texte verfassen zu können. Für eine Sachillustration muss man sich ohnehin gut mit dem Thema auseinandersetzen, da macht es Sinn, die Texte zu schreiben und Wort und Bild aufeinander zuzuschneiden. Als ich bei der Recherche des Themas war, hatte ich immer ein Skizzenbuch dabei, in das ich mir Notizen machte und gleichzeitig Skizzen für Bilder und Figuren. Anfangs habe ich viele Gesichter von Maoris abgezeichnet, um ein Gefühl für die Muster und den Menschenschlag zu bekommen. Bald konnte ich sogenannte „Kowaiwai“ (häufig verwendete, traditionelle Muster) aus dem Kopf zeichnen.

Erzählen Sie uns bitte etwas über die Vorbereitung und Recherche zu dem Buch. Gerade vor dem Hintergrund, dass große Teile der Maori-Tradition nur mündlich überliefert worden sind und dementsprechend wenige Quellen existieren, stellen wir es uns als schwieriges Unterfangen vor, an das benötigte Material heranzukommen.

Anfangs war es in der Tat ein großes Problem, Quellen zu finden und ich habe mich daher zu Beginn nur zögerlich an das Thema herangewagt. An der Universität in Neuseeland habe ich von einem Professor (ein Halbmaori) viel über die Kultur lernen können und im Tattoo-Museum von Wellington ein paar tiefere Details erfahren können. Der Museumsleiter gab mir gute Tipps und ließ mich in seiner Bibliothek stöbern.

Ein Buch konnte ich mir allerdings erst vorstellen, als ich zurück hier in Hamburg im Völkerkundemuseum ein Maori-Versammlungshaus erblickte. Ich fand heraus, dass es in der Bibliothek Quellen zur Maorikultur gab, die von ersten westlichen Missionaren in Neuseeland erstellt wurden. Da diese meist nach Europa dokumentierten ist es kaum verwunderlich, dass sich im Westen vielleicht mehr Quellen befinden, als in Neuseeland selbst. Es war eine aufwändige Arbeit diese Texte und Zeichnungen zu studieren und zu entscheiden, welche sachlich und seriös sind und welche vom überheblichen Verständnis der „weißen Rasse“ im 18. Jahrhundert eingefärbt waren.

Am Ende habe ich meine Ergebnisse zu diesen Recherchen mit zeitgenössischen, wissenschaftlichen Quellen verglichen und Maori-Künstler befragt, um mir ein Bild zu machen. Ich wollte unbedingt vermeiden, ein Buch zu erstellen, das einen falschen Eindruck erweckt.

Können Sie uns – neben Ihrem eigenen Buch – weitere Quellen bzw. Bücher zu diesem Thema empfehlen?

Schon im Vorwort weise ich auf das Werk von Stephanie Knöbl und Maria Kravanja hin, die „Maoritanga, Kunst und Kultur der Maori. Tradition – Moderne“ verfasst haben. Die zwei Kunsthistorikerinnen haben sich vor Ort in Neuseeland mit Maori-Künstlern zusammengesetzt und eine umfangreiche Recherchearbeit betrieben. Man kann in diesem Buch viele interessante Details über die lebhafte Maorikultur erfahren.

Zum anderen bin ich sehr dankbar für das Buch „Maumoko“- The World of Maori Tattoo“ von Ngahuia Te Awekotuku. Es wurde mir von Darby Tuhaka (Maori-Tattoo-Künstler) empfohlen und ist aus einem Projekt von Maori-Wissenschaftlern an der Waikato-Universität in Wellington entstanden. Beeindruckend sind hier die Interviews mit heute lebenden Maoris und die wunderbaren Portraitaufnahmen.

Im Vorwort des Buches erwähnen Sie den wichtigen Einfluss des Maori-Künstlers und Heilers Darby Tuhaka. Können Sie uns ein paar mehr Details zu ihm geben bzw. uns sagen, worin genau dieser große Einfluss bestand?

Als ich die Recherche beendet hatte, wollte ich unbedingt mit Maoris in Kontakt treten, um meine Ergebnisse zu besprechen und zu sehen, was sie von meinem Projekt halten. Mir war es sehr wichtig zu wissen, dass mein Projekt im Sinne der Maoris ist und dass nichts verfälscht wird. Zu häufig ist es in der Vergangenheit geschehen, dass westliche Wissenschaftler die Maori-Kultur dokumentierten und dabei nicht ausreichend recherchiert haben bzw. durch sprachliche Barrieren Details missverstanden haben. Als „Pakeha“ war mir bewusst, dass es unter Umständen nicht erwünscht ist, dass ich Informationen zur Maorikultur aufbereite.

Ich erfuhr, dass auf einer Tattoo-Messe in Frankfurt maorische Tätowierkünstler sein würden und versuchte schon im Vorfeld Kontakt zu ihnen aufzunehmen.

Vor Ort konnte ich mit Darby Tuhaka einen Termin ausmachen. Tuhaka ist ein geschätzter Tattoo-Künstler der auch nach der althergebrachten Technik der Maoris arbeitet. Er setzte sich mit meinen Aufzeichnungen und Fragen auseinander und erkannte sofort das Moko des großen Häuptlings und Kriegers Tawhiao, den ich auf dem Titelbild meines Buches darstelle. Er ließ mich wissen, welch große Bedeutung dieser Vorfahre für die Maoris auch heutzutage noch hat und versuchte mir Details von Tawhiaos Moko zu erklären, die man interpretieren kann. Von Darby Tuhaka kamen die Weisheiten „Knowledge easily gained is less apreciated“ und „A bird needs feathers to fly“. Der Künstler wollte sicher stellen, dass ich mich nicht einfach an den Informationen bereichere, sondern sie auch gründlich hinterfrage.

Er machte mich mit einem weiteren Maori-Künstler (Arekateha ‚Katz’ Maihi)  bekannt, der ebenfalls vor Ort war. Auch er nahm sich Zeit und wir konnten uns austauschen. Von ihm kam die Idee, den Mythen in meinem Buch noch mehr Gewicht zu verleihen, denn, so sagte er, die Mythen seien wie eine Religion für die Maoris. Sie erklären den Maoris ihre Herkunft, den Grund ihres Seins und geben eine Weltanschauung wieder.

Ein paar Worte/Fragen zur Bedeutung des Tätowierens in Neuseeland bzw. in der Maori-Kultur: Können Sie uns zunächst etwas über die Ursprünge dieser Tradition berichten?

Ein Maori würde antworten: die Tätowierkunst kommt von den Göttern aus der Unterwelt dem Rarohenga. Hierhin gelangte einst ein Mann namens Mataora, der Bemalungen in seinem Gesicht trug. Von dem Herrscher der Unterwelt Uetonga jedoch wurde er die „wahre“ Kunst des Moko gelehrt. Uetonga meißelte dem Mann aus dem Diesseits die Ornamente ins Gesicht. Die eingefurchten Ornamente hielten nun für die Ewigkeit und Maotaora brachte sie mit vom Jenseits der Unterwelt in unsere Welt.

Ein westlicher Wissenschaftler würde es eher so ausdrücken, dass die Ursprünge des Tätowierens in der Kriegsbemalung liegen. In dem Wunsch diese Ornamente für die Ewigkeit zu behalten, gingen die Menschen dazu über, die Zeichen in die Haut zu bringen. Die Tradition des Tätowierens stammt aus dem polynesischen Raum, das Wort Tattoo ist angelehnt an das „Tat-tat“-Geräusch, das beim Einbringen der Farbe mit Schlegel und Meißel entsteht. In Neuseeland hat sich diese Tradition auf interessante Weise fortentwickelt. Hier wollte man die Linien plastisch Hervorheben und brachte nicht nur die Farbe mit einem kammartigen Meißel ein. Vorerst wurden tiefe Furchen mit einer flachen Klinge geschaffen, die anschließend mit einem zweiten Pigmentmeißel bearbeitet wurden.

Welche Bedeutung wurde dem zugemessen? Wenn wir es richtig gesehen haben, tragen z.B. Männer und Frauen unterschiedliche Motive. Können Sie uns etwas über die Unterschiede aufklären?

Wenn ein Maori ein Moko erhielt, so gewann er an Macht, Einfluss und Ansehen – oder „Mana“, wie die Maoris sagen würden. Den Mann zeichnet es zunächst einmal als Krieger aus und in folgenden Sitzungen kommen weitere Details hinzu: z. B. seine Herkunft, sein Wissen, seine Errungenschaften und Zugehörigkeiten. Frauen haben meist nur im Kinnbereich ein Tattoo, welches darauf hinweist, dass sie nun Kinder gebären können und dadurch ein Mitspracherecht im Stamm besitzen.

Traditionell tätowiert man hier mit kleinen Hämmern und Meißel, was, darf man diversen Berichten und Ihrem Buch glauben, eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit sein muss. Haben Sie eine solche Zeremonie selbst einmal live erlebt bzw. gesehen?

Wie schon angesprochen werden regelrechte Furchen in die Haut getrieben, die sich entzünden können und stark bluten. Daher werden auch nur kleine Partien in einer Sitzung bearbeitet. Auf der Tattoo-Messe in Frankfurt konnte ich so eine Zeremonie aus nächster Nähe beobachten und war erstaunt, dass der Mann es schaffte seinen entspannten Gesichtsausdruck beizubehalten. Zudem gibt es im Internet schon zahlreiche Videos zu finden, die solche Zeremonien zeigen.

prozess moko1Es gibt in Alan Duffs Roman „Once were Warriors“ eine bemerkenswerte Szene, in der zwei Maori-Brüder miteinander über das Thema traditionelle Tätowierungen sprechen. Der ältere der beiden ist Mitglied einer Gang, die sich in ihrem Selbstverständnis nach wie vor als Krieger verstehen und dementsprechend die traditionellen Mokos tragen. Auf die Frage, warum der Jüngere keine Tattoos im Gesicht habe, antwortet dieser, dass er diese innen bzw. im Herzen trage. Wir erwähnen diese Szene deshalb, weil es uns ein starker Hinweis auf den „Konflikt der eigenen kulturellen Identität“ zwischen Tradition und Moderne zu sein scheint. Wie würden Sie diese Szene bzw. ihre Aussage bewerten?

Hier muss ich wieder an die Begegnung mit Darby Tuhaka denken, den ich fragte, warum er kein Moko im Gesicht trage. Darauf hin zeigte er mir einen Stift und sagte, dass Maoris heutzutage nicht mehr auf dem Schlachtfeld stünden. Die heutige Waffe sei das geschriebene Wort und die Bildung. Auf seinem Arm trug er ein Tattoo, das in Worten für jedermann lesbar die Bedeutung seiner Person aufzeigte. Es hat mir gezeigt, dass er als Maori mit der Zeit geht und Traditionen hinterfragt und neu definiert.

Bevor wir zum Schluss kommen, eine vielleicht etwas indiskrete Frage: Tragen Sie eigentlich selbst ein Tattoo?

Ich trage kein Tattoo. Wäre ich eine Maori, dann wollte ich eines. Denn dann trüge es eine Bedeutung in sich, die über das Ästhetische hinaus geht. Doch rein aus Liebe zur Gestaltung könnte ich mir keines machen lassen. Was ich auch als Bild in der Haut trage, es würde immer eine Information zu meiner Person und meiner Identität geben. Dabei habe ich viel Freude daran in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Ich liebe es mich zu Angelegenheiten als Dame fein herauszuputzen, doch genauso genieße ich Wanderungen durch die Wildnis und Übernachtungen im Zelt.

Und in unserer guten Tradition der berühmt-berüchtigten „letzten Worte“, hier ist Ihre Chance (…) 

Ich freue mich darüber, wenn Menschen aus ihrem eigenen Umfeld hinausblicken und Meinungen vorsichtig und mit Bedacht bilden. Durch das Eintauchen in unterschiedliche Kulturkreise kann man viel lernen und erhält oftmals andere Blickwinkel auf die Welt. Ich hoffe dass ich mit meinem Buch Lust machen konnte auf fremde Kulturen und darauf, die eigenen Sitten und Gebräuche zu hinterfragen.

Vielen Dank.

(c) Bilder Mirja Loth

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Erkundet und berichtet von: Redaktion

Teil eines großen Ganzen, das es in kleinen, vor allem aber neugierigen Schritten zu erkunden gilt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger

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