„Sag mir einfach mal ein Land. Irgendein Land aus der ganzen Welt“. Breites lächeln. „Willst du vielleicht ein Buch von mir kaufen? Es hat viele Bilder, du bekommst es für nur zehn Dollar. Guck mal. Komm, bitte sag mal ein Land. Weißt du, ich kenne die Hauptstädte eines jeden Landes in der Welt“.

„Ja echt, die kennt mein Bruder, kein Witz. Komm sag’ und er sagt dir die Hauptstadt“. Noch breiteres lächeln. „Wo kommst du her?“ „Deutschland“. Wissender Gesichtsausdruck „Das ist einfach. Berlin“. „Komm bitte, sag meinem Bruder jetzt mal irgendein Land und wenn er die richtige Hauptstadt nennt, kaufst du das Buch“. Der Junge und das Mädchen sind ziemlich dreckig, sie tragen keine Schuhe und zerrissene Kleidung, dafür scheinen sie aber allerbester Laune zu sein. Verschmitztes Lachen und strahlende große braune Augen.

„Bosnien Herzigowina“. Das ist schon fast das Versprechen das angebotene Buch zu kaufen. Das wollte ich doch nicht. So fest hatte ich mir vorgenommen nichts von Straßenkindern zu kaufen. Mit jedem Kauf stößt man diese Kinder nur tiefer in ihr Schicksal. Kinder sollen in die Schule gehen und dort rechnen und schreiben lernen, um eine Zukunft zu haben. Eine Ausbildung ist wichtig und wird ihnen beim Überleben helfen.

Ich bin in Kambodscha, einem Königreich in Südostasien. Was für ein Land, aufregend, bunt, turbulent, laut, chaotisch, freundlich, eindrucksvoll. Man kann sich gar nicht satt sehen an allem. Die Leute lächeln die ganze Zeit. 31% der Kambodschaner leben unterhalb der Armutsgrenze, trotzdem lächeln sie gerne.

„Sarajevo“ jauchzt der Kleine. „Sarajevo ist die Hauptstadt von Bosnien Herzigowina. Zehn Dollar bekomme ich für das Buch“. „Sag mal, musst Du heute nicht in die Schule?“ Zögerliches lächeln, „Ne, heute hatten wir früher Schule aus“, springt die große Schwester blitzschnell für ihn ein.

Weltneugier: Cambodia - Strassenverkäufer Cambodia

Um etwas zu essen kaufen zu können und zum Einkommen der Familie beizutragen, sind viele Kinder an den Tempelanlagen oder vor Museen als Getränke- und Souvenirverkäufer unterwegs. Sie werden von ihren Eltern angelernt. Die wissen, ihre Kinder erweichen die Herzen der Touristen. Kauft man von ihnen etwas, etwa weil man annimmt, dass sie dann am Abend nicht hungrig zu Bett gehen müssen, ist das nur halbherzig geholfen. Die Kinder werden immer tiefer in den Strudel der Armut hineingerissen. Sie schwänzen die Schule, um Waren zu verkaufen, haben Erfolg, können ihre Familie unterstützen, werden dafür gelobt. So geht das tagein tagaus weiter, ein normales Leben wird zunehmend unerreichbar.

Sarajavo, was für ein pfiffiges Kerlchen. Ganz gegen meinen guten Vorsatz überreiche ich dem Jungen seine zehn Dollar. Ich bin ganz einfach seinem Charme erlegen. Damit habe ich eine große Dummheit begangen. Will man Straßenkindern helfen, unterstützt man lieber Organisationen, die die Kinder auf den richtigen Weg bringen. Organisationen, die die Kinder von der Strasse holen, ihnen Schutz bietet, sie in die Schule bringt, ihnen ihre Freizeit gestaltet und ihnen zeigt, dass es noch andere Perspektiven, als die des Bettelns gibt. Medizinische Versorgung, Lebensmittel und Hilfe beim Wiedereinstieg in die Gesellschaft sind die Dinge, die Straßenkinder und ihre Familien dringend benötigen. Meine zehn Dollar, auch wenn sie gut gemeint sind, verschlimmern auf lange Sicht die Situation des Geschwisterpaares.

Für den Rest meines Aufenthaltes halte ich an meiner Strategie fest. Ich nehme mir die Zeit mich mit den Straßenkindern zu unterhalten, kaufe nichts von ihnen und gebe ihnen auch kein Geld. Gehst Du in die Schule? Seit wann? Wie gefällt dir der Unterricht? Sie freuen sich über den ihnen entgegengebrachten Respekt. Ich tausche unendlich viele lächeln mit unendlich vielen Kindern aus. Das kann ihnen und mir keiner nehmen.

Weltneugier: Cambodia - Im Gespräch mit Kindern

Ich esse so oft wie möglich in Restaurants, die Straßenkinder beschäftigen. Die Kinder machen dort ihre Ausbildung zum Koch oder zum Kellner. Das Essen ist einfach fantastisch und der Service einmalig. Meine Spende kommt hier an der richtigen Stelle an. Als Erinnerung kaufe ich mir eine Umhängetasche und ein T-Shirt der Organisation, die außerdem auch noch eine Kreativwerkstatt für Straßenkinder leitet. Der Erlös kommt alleine den Kindern zu Gute und sichert ihnen eine positive Zukunft.

Weltneugier: Cambodia - Restaurant Strassenkinder

Reisen. Erleben. Entdecken. Jeden Tag was Tolles sehen und immer Spaß haben. Das will ich. Doch trotzdem vergesse ich nie wie gut es mir geht und helfe denen, die nicht so sorglos leben können wie ich. Recherchiere ich vor einer Reise den Flug, die Unterkunft, die Reiseroute und die heißesten Sehenswürdigkeiten, erkundige ich mich gleichzeitig über die Bedingungen unter denen die Bevölkerung lebt und Hilfsorganisationen, die den Kampf gegen die Armut angetreten haben. Es gehört für mich einfach dazu, die Menschen zeigen mir ihr Land und ich gebe etwas zurück

Ein Gastartikel von Dorothée Lefering.

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Erkundet und berichtet von: Gastautor

Unsere Gastautoren sind Weltneugierige, die uns mit Erkundungsberichten aus aller Welt den Tag versorgen. Sozusagen Gasterkundungen.

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