Kultur
Eine Chance, die nicht wiederkommt
Sylvia Schill verfügt als Autorin des Buches »Ein Schuljahr in den USA« über langjährige Erfahrung im Bereich Schüleraustausch. Hier ihre Einschätzung zu Nutzen und Erfolgsfaktoren von Schulaufenthalten im Ausland.
Stepin: Wie profitieren Schüler Ihrer Erfahrung nach von einem Schulaufenthalt an einer ausländischen Schule?
Sylvia Schill: Ein junger Mensch hat nur ein kleines Zeitfenster für einen Schüleraustausch. Ein Jahr lang eine andere Kultur sozusagen als Insider in einem Familienverbund kennen zu lernen, ist ein Einstieg, der in dieser Form nie mehr nachgeholt werden kann – auch nicht als Student! Viele Firmen setzen internationale Erfahrungen bei ihren Mitarbeitern voraus und Schüler können so im Alter von 15 bis 18 einen wichtigen Baustein ihrer Karriere schon selbst setzen. Der vermeintliche akademische »Verlust« durch das Austauschjahr wird häufig durch die gewonnene Reife und eine neue, engagierte Arbeitshaltung wettgemacht. Nach ihrer Rückkehr befinden sich die Jugendlichen oft genug im oberen Leistungsdrittel.
Stepin: Welche schulischen und persönlichen Voraussetzungen sollten die Schüler mitbringen?
Sylvia Schill: Die schulischen Leistungen sollten zumindest durchschnittlich sein und der Schüler nicht versetzungsgefährdet. Was die persönliche Einstellung betrifft, ist eine Hauptvoraussetzung, dass der Schüler bereit ist, sich auf völlig andere Lebensumstände einzustellen: Dazu gehört beispielsweise ländliches Wohnen, das Zimmer mit einem Gastgeschwisterkind teilen, Pflichten im Haushalt und vieles mehr. Einstellen sollten sich die Jugendlichen auch darauf, dass sie selbst aktiv werden müssen, um Freunde zu finden und dass es Phasen gibt, wo Heimweh auftritt.
Stepin: Wie wird das Thema G8 Ihrer Meinung nach den Schüleraustausch beeinflussen?
Sylvia Schill: Wir haben auf schueleraustausch.de eine Umfrage gemacht, inwieweit G8 die Entscheidung für ein Schüleraustauschjahr beeinflusst – 90 % der Befragten sagten »gar nicht«. Meine persönliche Meinung ist, dass möglicherweise in geringem Umfang Halbjahresprogramme stärker nachgefragt werden. Wenn es den Eltern oder Schülern jedoch um die konkrete Anerkennung des Auslandsaufenthalts für die Schullaufbahn geht, rate ich ihnen, sich möglichst frühzeitig an der jeweiligen Schule zu erkundigen. Laut Beschluss der Kultusministerkonferenz vom Juni 2006 kann auch am achtjährigen Gymnasium ein Auslandsaufenthalt bis zur Gesamtdauer eines Jahres auf die Schulzeit in Deutschland angerechnet werden. Für die konkrete Umsetzung sind die einzelnen Bundesländer verantwortlich und das wird selbst an den Schulen innerhalb eines Bundeslandes nicht immer einheitlich gehandhabt.
Stepin: Welchen Tipp würden Sie Eltern geben, die ihr Kind an eine ausländische Schule schicken möchten?
Sylvia Schill: Zunächst einmal sollte der Wunsch für den Schüleraustausch nicht von den Eltern, sondern vom Jugendlichen ausgehen. Den Wunsch des Kindes sollten die Eltern fördernd unterstützen, aber genug Freiraum lassen, damit die Tochter oder der Sohn selbst aktiv werden kann – zum Beispiel bei der Informationsbeschaffung, der Auswahl eines Austauschlandes oder einer Organisation.
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