Lehrer
Erfahrungen fürs Leben
Stepin sprach mit Stefanie Frede-Schäfer, Lehrerin für Englisch und Sport am Clara-Schumann-Gymnasium in Bonn über Chancen und kritische Erfolgsfaktoren eines High School-Aufenthalts. Die 44-Jährige hat in den USA und in Großbritannien studiert und dort viele Erfahrungen gesammelt, wie es ist, in einem anderen Land zu leben, und wie sehr einen dies weiterbringt. Ihren Schülern macht sie Mut, den Weg ins Ausland zu wagen, dort auf »kulturelle Entdeckungsreise« zu gehen, dabei auch viel über sich selbst zu lernen und eine frische Perspektive aufs eigene Land zu gewinnen.
Stepin: Viele Ihrer Schüler waren bereits im Ausland oder planen dies. Wie ist Ihre Einstellung dazu?
Stefanie Frede-Schäfer: Ich fördere dies sehr gerne. Als Englischlehrerin finde ich es natürlich wichtig, dass die jungen Menschen ihre Fremdsprachenkenntnisse in einem authentischen Kontext verbessern. Doch es gibt viele weitere gute Gründe für einen High School-Aufenthalt im Ausland: Dieser macht die Sicht auf die Welt weiter und fördert die persönliche Reife und die Toleranz der Kinder. Sie lernen viel Interessantes über ihr Gastland, schließen dort Freundschaften, die sich oft weit über die High School- Zeit hinaus halten, und lernen, selbstständig zu sein und sich an neue Gegebenheiten anzupassen.
Stepin: Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Schulaufenthalt im Ausland?
Stefanie Frede-Schäfer: G8 hat es schwieriger gemacht, diesen Zeitpunkt zu finden, das Zeitfenster ist kleiner geworden. Meist empfehle ich meinen Schülern, ihren High School Aufenthalt in die Zeit der Einführungsphase (10. Klasse) zu legen. Doch das hängt natürlich ganz von der persönlichen Reife der Kinder ab – es gibt mutige Schüler, die auch früher gehen können und weniger mutige, die lieber noch ein bisschen warten sollten. Die meisten Schüler spüren sehr genau, ob sie bereit dafür sind, ins Ausland zu gehen und für eine Zeit ohne ihre Familie zu leben.
Die Entscheidung, wann man ins Ausland geht, ist auch landesabhängig: Gehe ich im ersten Schulhalbjahr meines Gastlandes, ist der Einstieg leichter, da sich die Kurse dann formieren. In Neuseeland beispielsweise fängt das erste Halbjahr nach Weihnachten an, daher würde ich den Einstieg zu diesem Zeitpunkt empfehlen.
Sind sich Eltern und Kinder unschlüssig, ob es zu früh für einen Auslandsaufenthalt ist, empfehle ich, dass die Kinder erst mal einen kurzen Aufenthalt in einer Feriensprachschule oder in einem Ferienlager etc. verbringen um festzustellen, wie sie mit der Abwesenheit von zu Hause fertig werden.
Stepin: Gibt es so etwas wie eine optimale Aufenthaltsdauer?
Stefanie Frede-Schäfer: In der Einführungsphase entscheiden sich viele Schüler für einen halbjährigen Aufenthalt, da sie den Anschluss an ihre Klasse in Deutschland nicht verlieren wollen. Dabei spart G8 ja auch ein Jahr Zeit – und es ist daher auch möglich, aus G8 wieder das persönliche »G9« zu machen, indem man eben nach der Rückkehr wieder dort anfängt, wo man in Deutschland aufgehört hat.
Ich habe während meines eigenen USA-Aufenthalts die Erfahrung gemacht, dass der Alltag erst nach einigen Monaten Einzug hält und die Dinge danach wirklich in Takt kommen. Wer sich für ein Jahr entscheidet, taucht einfach tiefer und intensiver in das Leben des Gastlandes ein. Ich fand es toll, alle Feiertage meines Gastlandes mitzuerleben und so noch weitere kulturelle Facetten kennenzulernen. So ist Thanksgiving in den USA ein großes Erlebnis, ebenso der Unabhängigkeitstag. Solche Highlights schaffen bleibende Erinnerungen.
Stepin: Was empfehlen Sie bei der Fächerauswahl?
Stefanie Frede-Schäfer: Das Fach Mathematik ist nach der Rückkehr ein Knackpunkt bei der schulischen Wiedereingliederung der Kinder. Daher empfehle ich, dass sie an ihrer High School auf jeden Fall anspruchsvolle Mathekurse wählen sollen. Diese werden von vielen Schulen angeboten. Hier gilt es, nicht den bequemsten Weg zu wählen, sondern sich wirklich zu fordern.
Viele Schulen im englischsprachigen Raum bieten eine reiche Auswahl an sportlichen Aktivitäten an. Eine landestypische Sportart auszuüben, bringt einem das Gastland noch näher - man sollte hier ruhig ein bisschen experimentierfreudig sein.
Stepin: Wie gut sind deutsche Schüler sprachlich auf ihren Aufenthalt vorbereitet?
Stefanie Frede-Schäfer: Nach meiner Erfahrung haben sie kaum Probleme, sich sprachlich in ihrem Gastland zurechtzufinden. Nach einer Woche »einhören« funktionert das meist schon sehr gut.
Stepin: Welches sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren für einen Auslandsaufenthalt?
Stefanie Frede-Schäfer: Die Kinder müssen den Schritt ins Ausland wirklich wollen. Ich erlebe zuweilen, dass Eltern ihren Kindern unbedingt einen Aufenthalt an einer High School ermöglichen möchten, die Jungen und Mädchen aber keine Lust darauf haben, beziehungsweise noch nicht reif genug dafür sind. Das sind dann keine guten Voraussetzungen. Des Weiteren muss die Gastfamilie passen. Das Kind muss mit einer offenen Grundhaltung und Neugierde auf das Gastland und dessen Menschen losziehen. Es gilt auch, sich vorher über die Gepflogenheiten des Gastlandes zu informieren – bereits in europäischen Nachbarstaaten gibt es viele unterschiedliche »ungeschriebene Regeln«, die man erst erlernen muss.
Stepin: Was muss eine gute Organisation leisten?
Stefanie Frede-Schäfer: Die Organisation muss ihrer großen Verantwortung gerecht werden. Denn sie nimmt einen entscheidenden Einfluss auf den erfolgreichen Verlauf des Auslandsaufenthalts der Teilnehmer. Das beginnt bei der Auswahl des passenden Ziellandes und geht bei der Vorbereitung auf die kulturellen Eigenheiten des Gastlandes und der Auswahl der Gastfamilie weiter. Der Service darf nicht bei der Ausreise des Schülers aufhören, auch danach muss die Organisation für ihn da sein, ihn bei eventuell auftretenden Problemen beraten und ihm schnell weiterhelfen. Es sollte auch vor Ort Ansprechpartner geben.
Stepin: Wie sehen Sie die Möglichkeiten für Realschüler, eine Zeit im Ausland zu verbringen?
Stefanie Frede-Schäfer: Ich kann hier zwar nicht aus eigener Erfahrung sprechen, habe aber schon im Gespräch mit Kollegen erfahren, dass auch Realschüler immens von einem Aufenthalt im Ausland profitieren können. Beispielsweise zur Vorbereitung auf eine weiterführende Schule, wie zum Beispiel ein Wirtschaftsgymnasium oder eine Handelsschule. Ein Beispiel: Meine Schwester unterrichtet an einer privaten Oberstufe. Nach dem Realschulabschluss ging einer ihrer Schüler für ein Jahr ins Ausland und stieg dann in diese Oberstufe ein. Er tut sich leichter, als so mancher, der frisch von der Realschule einsteigt. Ein weiterer Vorteil: Die Kinder öffnen sich durch ihren Aufenthalt im Ausland ein ganz neues Erfahrungsfenster, sind reifer und können nach ihrer Rückkehr fast immer eine fundiertere Entscheidung bezüglich ihrer beruflichen Zukunft treffen.
Stepin: Gibt es bestimmte Destinationen, die Sie Ihren Schülern empfehlen?
Stefanie Frede-Schäfer: Als Englischlehrerin finde ich die Begeisterung für den anglo-amerikanischen Sprachraum natürlich prima. Doch auch Frankreich und spanischsprachige Länder sollten bei der Suche nach einem geeigneten Land für einen Auslandsaufenthalt nicht übersehen werden. Eine gute Kombination wäre hier meiner Meinung nach, einen kürzeren Aufenthalt in Gastland A mit einem längeren in Gastland B zu verbinden. Also beispielsweise 3 Monate Frankreich und 6 Monate USA.
Stepin: Wie lässt sich die erste Zeit in der Gastfamilie und der neuen Schule am besten meistern?
Stefanie Frede-Schäfer: Die ersten Tage sind gar nicht so schwierig. Alles ist neu und spannend, Heimweh taucht oft erst dann auf, wenn der Alltag eingekehrt ist. Wichtig ist es vor allem, dass die Kinder im Gastland wirklich »ankommen« und sich nicht nur mit ihrem Leben zu Hause beschäftigen. Sprich: Wer jeden Abend mit Freunden und Eltern in Deutschland chattet oder skypt, hat es schwerer, sich wirklich auf das Gastland einzulassen und leidet tendenziell heftiger an Heimweh.
Stepin: Was können die Eltern hier tun?
Stefanie Frede-Schäfer: Es ist sicher nicht einfach, loszulassen und die Kinder einfach »ihr eigenes Ding« machen zu lassen. Aber es bringt die jungen Menschen in ihrer Entwicklung weiter, sich auch mal selbst durchzubeißen und nicht wegen jeder Kleinigkeit bei den Eltern Rat zu suchen.
Stepin: Was gibt es nach der Rückkehr aus dem Ausland zu beachten?
Stefanie Frede-Schäfer: Das Zurückkommen ist oft schwerer als das Ankommen im Gastland. Die Kinder sind selbstbewusster geworden und haben ihren Horizont erweitert, zuhause ist aber alles gleich geblieben. Das ist eine echte Herausforderung. Die Schüler sehen ihr Heimatland ganz anders – und schätzen die vielen Freiheiten, die sie hierzulande haben, viel stärker als vor ihrer Ausreise.
So mancher denkt, dass er sich nach der Rückkehr aus dem Ausland im Fremdsprachenunterricht »aufs Sonnendeck« legen kann, da er ja nun prima Englisch, Spanisch oder Französisch spricht. In der Tat bringen diese Schüler ja auch brillante Voraussetzungen mit, doch sind diese kein »Selbstläufer«, die Schüler müssen nach wie vor an ihrer schriftlichen Ausdrucksfähigkeit arbeiten, das zeigt oft schon die erste Klassenarbeit.
Stepin: Wie beeinflusst ein Schulaufenthalt im Ausland den weiteren Lebensweg der Schüler?
Stefanie Frede-Schäfer: Ein Schulaufenthalt bietet einen geschützten Rahmen, Auslandserfahrung zu machen. Viele sammeln hier den Mut, sich später auch unabhängig auf den Weg zu machen, beispielsweise im Rahmen eines Work & Travel-Aufenthalts. Sie haben das Selbstvertrauen, im Ausland gut klar zu kommen und sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Davon profitieren sie auch im Berufsleben. Im besten Fall kann ein Auslandsaufenthalt prägend für das gesamte weitere Leben sein.
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